Pädagogische Dienste | 6. Generationenforum online 


6. Ravensbrücker Generationenforum 2010

Alljährlich findet in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück seit 2005 das »Ravensbrücker Generationenforum« statt. In einer drei- bis viertägigen Jugendbegegnung treffen Jugendliche mit Ravensbrück-Überlebenden zusammen. Die Veranstaltung wird gemeinsam von der Dr. Hildegard Hansche Stiftung und den Pädagogischen Diensten der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück realisier und von der Stiftung » Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« unterstützt.

 

Von Samstag, den 14. August bis Montag, den 17. August 2010, fand in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück das »Ravensbrücker Generationenforum« statt, bei dem rund 40 Jugendliche aus Deutschland und der Slowakischen Republik mit Überlebenden des Frauen-KZ Ravensbrück zusammenkamen. Das Generationenforum wurde zum 6. Mal von der Dr. Hildegard Hansche Stiftung und der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück veranstaltet. Auf dem Programm standen intensive Gespräche der Jugendlichen mit Überlebenden, die als Kinder oder Jugendliche im KZ Ravensbrück inhaftiert waren. Die Psychologin Batsheva Dagan (Jahrgang 1925) aus Israel, die Psychoanalytikerin Dr. Margit Rustow (Jahrgang 1925) aus den USA, Dr. Eva Bäckerova (Jahrgang 1940) und Professor Peter Havas (1935) aus der Slowakischen Republik sowie Galina Gisbrecht (Jahrgang 1939) aus Weißrussland standen den Jugendlichen Rede und Antwort. Die Überlebenden und die Jugendlichen hatten in dem viertägigen Programm Gelegenheit zu intensiven Begegnungen und Gesprächen, die von einer Arbeitsgruppe auf der Website der Gedenkstätte dokumentiert werden. Gemeinsam überlegten sie, wie sie die »Zukunft der Erinnerung« gestalten wollen. Darüber hinaus gab es thematische Angebote für die TeilnehmerInnen, die die Geschehnisse am Ort des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück aus verschiedenen Blickwinkeln näher beleuchteten, unter anderem zu den Themen »Kinder in Ravensbrück«, »Aufseherinnen« und »Fürstenberg und das KZ«. Nach dem Programm in Ravensbrück verbrachten die slowakischen und Dresdner TeilnehmerInnen mit den Überlebenden noch zwei Tage gemeinsam in Berlin. Das diesjährige Generationenforum wurde von der Dr. Hildegard Hansche Stiftung finanziert und von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« und dem Landesverband Berlin-Brandenburg des Deutschen Jugendherbergswerks unterstützt.


Inhalt | Kurzporträts der beteiligten Überlebenden | Videodokumentation


Kurzporträts der beteiligten Überlebenden


Eva Bäckerova, wurde 1940 als Eva Herskovits geboren. Mit ihrer Schwester Magdalena Herskovits (1941-1945) und ihren Eltern und Grosseltern lebte sie in Kezmarok, einer kleinen Stadt in der Hohen Tatra in der Slowakei. Die Großeltern wurden in Mai 1942 nach Polen deportiert und sind wahrscheinlich in Sobibor ermordet worden. Familie Herskovits lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Versteck in der Hohen Tatra. Eva war bei einer Familie untergebracht und die Eltern hielten sich mit der kleinen Magda an einem anderen Ort versteckt. Etwa im September 1944 haben die Eltern Eva zu sich ins Versteck geholt. Am 6. Dezember 1944 denunzierte eine Frau die untergetauchte Familie, die von der Gestapo verhaftet und nach Kezmarok ins Gefängnis gebracht wurde.  Der Vater wurde nach Mauthausen verschleppt, wo er starb; die Mutter und die zwei Töchter €“ damals drei und vier Jahre alt €“ wurden am 13. Dezember nach Ravensbrück deportiert. Tochter Magdalena starb in Ravensbrück. Am 9. März 1945 wurde Eva zusammen mit ihrer Mutter nach Bergen-Belsen gebracht, wo beide die Befreiung erlebten. 2007 nahm sie erstmals am 3. Ravensbrücker Generationenforum teil.

 


Batsheva Dagan wurde 1925 als Isabella Rubinstein in der Stadt ŁÃ³dź in Polen geboren. Ihre Familie war jüdisch und sie hatte acht Geschwister. Als die Nazis Polen besetzten, floh sie mit ihren Eltern und zwei Schwestern nach Radom. Dort errichteten die Deutschen 1941 ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung, in dem auch ein Teil der Familie Rubinstein eingesperrt wurde. Batshevas älteren Brüdern und einer Schwester gelang es nach Russland zu fliehen. Ihre jüngste Schwester wurde erschossen, als sie versuchte aus dem Ghetto zu entkommen. Bei der Räumung des Radomer Ghettos 1942 wurden Batshevas Eltern und die ältere Schwester in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und dort ermordet. Sie selbst entkam der Deportation mit gefälschten Papieren, auf denen sie nicht jüdisch, sondern »arisch« war. Zwangsverpflichtet gelangte sie als Dienstmädchen in das Haus einer nationalsozialistischen Familie im mecklenburgischen Schwerin. Nachdem irgendwer sie dort verraten hatte, wurde sie von der Gestapo verhaftet und nach Aufenthalten in mehreren Haftanstalten im Mai 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade 18 Jahre alt. 20 Monate lang musste sie in Auschwitz hart arbeiten und mit ansehen, wie Tausende von Frauen, Männern und Kindern in den Gaskammern umgebracht wurden. Als sich im Januar 1945 die russische Armee Auschwitz näherte, wurde Batsheva zusammen mit Tausenden von Häftlingen auf einen Todesmarsch Richtung Westen getrieben. Drei Tage und drei Nächte musste sie laufen, bis sie schließlich mit anderen Häftlingen auf Viehwaggons geladen und nach Ravensbrück gebracht wurde. Von Ravensbrück aus brachte man sie schon bald ins Außenlager Malchow. Ende April 1945 wurde sie von dort wieder mit einer Gruppe Frauen zu Fuß weitergetrieben, bis sie schließlich am 2. Mai 1945 bei der Stadt Lübz von britischen Soldaten befreit wurde. Nach ihrer Befreiung ging Batsheva zuerst nach Belgien, vier Monate später nach Palästina. In Israel hat sie geheiratet und zwei Söhne bekommen. Inzwischen ist sie Großmutter von 10 Enkeln.

Sie ist die Einzige, die von ihrer Familie unter deutscher Besatzung überlebt hat. Batsheva ist seit dem 1. Ravensbrücker Generationenforum (2005) dabei.

 


Peter Havas (Jahrgang 1935) stammt aus der Slowakei und wurde im November 1944 zusammen mit seinem Großvater Eugen Heuberger (1884-1965) und seiner Mutter Lilly (1911-2002) in das KZ Ravensbrück deportiert.  Im Zuge der Auflösung des Lagers wurde Peter Havas im April 1945 in das KZ-Außenlager Wöbbelin bei Ludwigslust verlegt. Am 2. Mai 1945 wurden die Häftlinge dort von Einheiten der US-Armee befreit.  2007 nahm er erstmals am 3. Ravensbrücker Generationenforum teil.


Galina Gisbrecht wurde am 1939 als Galina Kabanova als jüngstes von vier Geschwistern in der Nähe von Witebsk in Weißrussland geboren.  Ihr Vater und zwei ihrer Brüder kämpften bei den Partisanen. Sie wurden von  deutschen Soldaten im Zuge einer Vergeltungsaktion erschossen.  Der älteste Bruder kämpfte in der Roten Armee. Galina wurde mit ihrer Mutter im September 1943 nach Auschwitz verschleppt, weil sie Angehörige von Partisanen waren.  Als vierjähriges Mädchen wurde ihr die Nummer 61522 eintätowiert.

Im Dezember 1943 starb die Mutter in Auschwitz  und Galina blieb ganz allein im Lager zurück. Bei der Evakuierung des Lagers wurde Galina mit zehn anderen Kindern von Kommandeuren der Roten Armee und Partisanen nach Ravensbrück gebracht, wo sie im Januar 1945 ankamen. Hier nahmen sich sowjetische kriegsgefangene Frauen der Kinder an. Galina fand eine Lagermutter, Maria Petruschina, die sich auch nach der Befreiung um sie kümmerte und sie adoptierte.  Die gesundheitlichen Folgen der Inhaftierung in Auschwitz und Ravensbrück, eine Knochen- und eine Lungentuberkulose, konnten erst 1952 nach langwieriger Behandlung geheilt werden.

Ihren ältesten Bruder, der den Krieg ebenfalls überlebte, fand Galina 1956 nur durch einen Zufall wieder. Galina Gisbrecht lebt jetzt in der Stadt Borisow im Minsker Bezirk in Weißrussland.1995, zum 50 Jahrestag der Befreiung kam sie zum ersten Mal wieder nach Ravensbrück, um am Treffen der überlebenden Kinder teilzunehmen. 2008 nahm sie erstmals am 4. Ravensbrücker Generationenforum teil und berichtete den Teilnehmern über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Hier wurde auch ein Videointerview mit ihr aufgenommen.

 


Margrit Rustow wurde 1925 in Frankfurt/Main als Margrit (Marguerite) Wreschner geboren. Sie wuchs mit ihrer Schwester Charlotte in einer orthodoxen jüdischen Mittelklasse-Familie auf. Die Eltern waren bei ihrer Eheschließung schon älter und waren bereits vorher mit anderen Partnern verheiratet gewesen. Margrit hat aus beiden Ehen Halbbrüder und -schwestern. Ihr Vater ist Kaufmann in einer Im- und Export-Firma, in deren Geschäftsführung er bald Partner wird. In Margrits Erziehung spielen Bildung und die Hilfe für Arme und gesellschaftlich Schwächere eine große Bedeutung. Als Neunjährige zieht Margrit mit ihren Eltern und ihrer Schwester Charlotte aus Frankfurt nach Amsterdam, wo ihr Vater schon bald verstirbt. Einigen Familienmitgliedern gelingt noch die Flucht in die USA und nach Kanada. Margrit, ihre Schwester Charlotte und ihre Mutter Friederike (geb. Klaber, * 15. August 1888 in Ödenburg / Sopron) bleiben mit der Familie eines Bruders zurück. 1940 werden die Niederlande von den Deutschen besetzt. Am 25. November 1943 werden Margrit, Charlotte und ihre Mutter nach einer kurzen Zeit in einem Versteck festgenommen und sie werden in das »Durchgangslager« Westerbork gebracht. Am 5. Februar 1944 verlassen sie mit einem Transport die Niederlande Richtung Ravensbrück. Hier musste Margrit Zwangsarbeit im »Siemenslager« leisten. In Ravensbrück stirbt Mutter Friederike Wreschner am 8. Januar 1945. Ihre Töchter werden kurze Zeit später in das Getto Theresienstadt deportiert.  Nach ihrer Befreiung im Mai 1945 schlagen sich Margrit und Charlotte erst nach Prag und dann nach Amsterdam durch. Da sie wegen der ungarischen Herkunft ihrer Mutter von den deutschen Besatzern auch als ungarische Juden gesehen wurden, hatten die Deutschen ihre Wohnung nach der Deportation nicht leer geräumt - als sie hineintraten, fanden sie noch den gedeckten Frühstückstisch vor, wie sie ihn Monate vorher verlassen hatten. Bald ist das Haus ein Anlauf- und Treffpunkt für Angehörige und Freunde die aus den Lagern der Deutschen zurückkehren. 1945 erhält Margrit Stipendium für ein Studium in der Schweiz. Danach arbeitet sie mit jüdischen Kriegswaisen, die selber im Versteck oder die Zeit im Lager überlebt haben, deren Eltern aber nicht zurückkehrten. Zwei Jahre später zog Margrit mit Charlotte zu einer weiteren Schwester in die USA.  Sie arbeitet weiter mit Kindern, abends studiert sie. Als Israel gegründet wird, beschließen Margrit und Charlotte, dorthin zu gehen, Margrit kehrt aber schließlich zurück nach New York, um ihr Studium fortzusetzen. Charlotte bleibt in Israel und wird später Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem.  Margrit kommt in ihrer Arbeit mit Kindern mit der Psychoanalyse in Berührung - sie wird selber Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Margrit Wreschner heiratet den Soziologen Dankwart Rustow und unterstützt ihn bei der Erziehung seiner Kinder. Heute arbeitet sie für das »NGO Committee on Mental Health« zu »Refugees, Immigrants and Mental Health«Für Margrit Rustow ist das 5. Ravensbrücker Generationenforum das erste, an dem sie teilnimmt.


Videodokumentation

 

 

 

 

 

 

 

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Gefördert von der Stiftung » Erinnerung, Verantwortung, Zukunft«