Pädagogische Dienste | 5. Generationenforum online


»Die Zukunft der Erinnerung« | 5. Ravensbrücker Generationenforum

Alljährlich findet in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück seit 2005 das »Ravensbrücker Generationenforum« statt. In einer drei- bis viertägigen Jugendbegegnung treffen Jugendliche mit Ravensbrück-Überlebenden zusammen. Die Veranstaltung wird gemeinsam von der Dr. Hildegard Hansche Stiftung und den Pädagogischen Diensten der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück realisier und von der Stiftung » Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« unterstützt.

Von Freitag, den 21. August bis Montag, den 24. August 2009, fand in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück das »Ravensbrücker Generationenforum« statt, bei dem rund 40 Jugendliche aus Deutschland und den Niederlanden mit Überlebenden des Frauen-KZ Ravensbrück zusammenkamen. Das Generationenforum wurde zum 5. Mal von der Dr. Hildegard Hansche Stiftung und der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück veranstaltet. Unter dem Titel »Die Zukunft der Erinnerung« standen intensive Gespräche der Jugendlichen mit Überlebenden auf dem Programm, die als Kinder oder Jugendliche im KZ Ravensbrück inhaftiert waren. Die Psychologin Batsheva Dagan (Jahrgang 1925) aus Israel, die Psychoanalytikerin Dr. Margit Rustow (Jahrgang 1925) aus den USA, Dr. Eva Bäckerova (Jahrgang 1940) und Professor Peter Havas (1935) aus der Slowakischen Republik sowie Galina Gisbrecht (Jahrgang 1939) aus Weißrussland standen den Jugendlichen Rede und Antwort. Frau Dagan wurde von ihrem Enkel Yanif und Frau Gisbrecht von ihrer Tochter begleitet. Aus gesundheitlichen Gründen musste die niederländische Überlebende Mieke van den Burger-Steensma absagen, deren Tochter, Schwiegersohn und Enkel aber teilnahmen. Die Überlebenden und die Jugendlichen hatten in dem viertägigen Programm Gelegenheit zu intensiven Begegnungen und Gesprächen, die von einer Arbeitsgruppe auf der Website der Gedenkstätte dokumentiert werden. Gemeinsam überlegten sie, wie sie die »Zukunft der Erinnerung« gestalten wollen. Darüber hinaus gab es thematische Angebote für die TeilnehmerInnen, die die Geschehnisse am Ort des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück aus verschiedenen Blickwinkeln näher beleuchteten, unter anderem zu den Themen »Kinder in Ravensbrück«, »Aufseherinnen« und »Fürstenberg und das KZ«. Sie sahen den Film »Was bleibt« (D 2008) und diskutierten mit der Filmemacherin Gesa Knolle. Nach dem Programm in Ravensbrück verbrachten die niederländischen TeilnehmerInnen und acht PreisträgerInnen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten sowie die Überlebenden noch zwei Tage gemeinsam in Berlin. Sie besuchten das Bundespräsidialamt und das Schloss Bellevue, wo sie mit Mitarbeiterinnen des Bundespräsidenten über ihre Eindrücke vom Generationenforum sprachen und im Bundestag von dem Präsidenten des Landesverbands Berlin-Brandenburg des Deutschen Jugendherbergswerks, Steffen Reiche (MdB), begrüßt wurden. Das diesjährige Generationenforum wurde von der Dr. Hildegard Hansche Stiftung finanziert und von der Körber-Stiftung, der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft«, dem Landesverband Berlin-Brandenburg des Deutschen Jugendherbergswerks sowie der niederländischen Gedenkstätte Herinneringscentrum Kamp Westerbork unterstützt.


Inhalt | Kurzporträts der beteiligten Überlebenden | Videodokumentation | Die Videogruppe stellt sich vor | Kraft (Tim Dries) | Ich bin hungrig (Ayten Makiolla) | Wann ist dies hier bloß vorbei? (Fatima Oppong ) | Reaktionen aus Oerlinghausen


Kurzporträts der beteiligten Überlebenden


Eva Bäckerova, wurde 1940 als Eva Herskovits geboren. Mit ihrer Schwester Magdalena Herskovits (1941-1945) und ihren Eltern und Grosseltern lebte sie in Kezmarok, einer kleinen Stadt in der Hohen Tatra in der Slowakei. Die Großeltern wurden in Mai 1942 nach Polen deportiert und sind wahrscheinlich in Sobibor ermordet worden. Familie Herskovits lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Versteck in der Hohen Tatra. Eva war bei einer Familie untergebracht und die Eltern hielten sich mit der kleinen Magda an einem anderen Ort versteckt. Etwa im September 1944 haben die Eltern Eva zu sich ins Versteck geholt. Am 6. Dezember 1944 denunzierte eine Frau die untergetauchte Familie, die von der Gestapo verhaftet und nach Kezmarok ins Gefängnis gebracht wurde.  Der Vater wurde nach Mauthausen verschleppt, wo er starb; die Mutter und die zwei Töchter - damals drei und vier Jahre alt - wurden am 13. Dezember nach Ravensbrück deportiert. Tochter Magdalena starb in Ravensbrück. Am 9. März 1945 wurde Eva zusammen mit ihrer Mutter nach Bergen-Belsen gebracht, wo beide die Befreiung erlebten. 2007 nahm sie erstmals am 3. Ravensbrücker Generationenforum teil.

 


Batsheva Dagan wurde 1925 als Isabella Rubinstein in der Stadt ŁÃƒÂ³dź in Polen geboren. Ihre Familie war jüdisch und sie hatte acht Geschwister. Als die Nazis Polen besetzten, floh sie mit ihren Eltern und zwei Schwestern nach Radom. Dort errichteten die Deutschen 1941 ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung, in dem auch ein Teil der Familie Rubinstein eingesperrt wurde. Batshevas älteren Brüdern und einer Schwester gelang es nach Russland zu fliehen. Ihre jüngste Schwester wurde erschossen, als sie versuchte aus dem Ghetto zu entkommen. Bei der Räumung des Radomer Ghettos 1942 wurden Batshevas Eltern und die ältere Schwester in das Vernichtungslager Treblinka gebracht und dort ermordet. Sie selbst entkam der Deportation mit gefälschten Papieren, auf denen sie nicht jüdisch, sondern »arisch« war. Zwangsverpflichtet gelangte sie als Dienstmädchen in das Haus einer nationalsozialistischen Familie im mecklenburgischen Schwerin. Nachdem irgendwer sie dort verraten hatte, wurde sie von der Gestapo verhaftet und nach Aufenthalten in mehreren Haftanstalten im Mai 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade 18 Jahre alt. 20 Monate lang musste sie in Auschwitz hart arbeiten und mit ansehen, wie Tausende von Frauen, Männern und Kindern in den Gaskammern umgebracht wurden. Als sich im Januar 1945 die russische Armee Auschwitz näherte, wurde Batsheva zusammen mit Tausenden von Häftlingen auf einen Todesmarsch Richtung Westen getrieben. Drei Tage und drei Nächte musste sie laufen, bis sie schließlich mit anderen Häftlingen auf Viehwaggons geladen und nach Ravensbrück gebracht wurde. Von Ravensbrück aus brachte man sie schon bald ins Außenlager Malchow. Ende April 1945 wurde sie von dort wieder mit einer Gruppe Frauen zu Fuß weitergetrieben, bis sie schließlich am 2. Mai 1945 bei der Stadt Lübz von britischen Soldaten befreit wurde. Nach ihrer Befreiung ging Batsheva zuerst nach Belgien, vier Monate später nach Palästina. In Israel hat sie geheiratet und zwei Söhne bekommen. Inzwischen ist sie Großmutter von 10 Enkeln.

Sie ist die Einzige, die von ihrer Familie unter deutscher Besatzung überlebt hat. Batsheva ist seit dem 1. Ravensbrücker Generationenforum (2005) dabei.

 


Peter Havas (Jahrgang 1935) stammt aus der Slowakei und wurde im November 1944 zusammen mit seinem Großvater Eugen Heuberger (1884-1965) und seiner Mutter Lilly (1911-2002) in das KZ Ravensbrück deportiert.  Im Zuge der Auflösung des Lagers wurde Peter Havas im April 1945 in das KZ-Außenlager Wöbbelin bei Ludwigslust verlegt. Am 2. Mai 1945 wurden die Häftlinge dort von Einheiten der US-Armee befreit.  2007 nahm er erstmals am 3. Ravensbrücker Generationenforum teil.


Galina Gisbrecht wurde am 1939 als Galina Kabanova als jüngstes von vier Geschwistern in der Nähe von Witebsk in Weißrussland geboren.  Ihr Vater und zwei ihrer Brüder kämpften bei den Partisanen. Sie wurden von  deutschen Soldaten im Zuge einer Vergeltungsaktion erschossen.  Der älteste Bruder kämpfte in der Roten Armee. Galina wurde mit ihrer Mutter im September 1943 nach Auschwitz verschleppt, weil sie Angehörige von Partisanen waren.  Als vierjähriges Mädchen wurde ihr die Nummer 61522 eintätowiert.

Im Dezember 1943 starb die Mutter in Auschwitz  und Galina blieb ganz allein im Lager zurück. Bei der Evakuierung des Lagers wurde Galina mit zehn anderen Kindern von Kommandeuren der Roten Armee und Partisanen nach Ravensbrück gebracht, wo sie im Januar 1945 ankamen. Hier nahmen sich sowjetische kriegsgefangene Frauen der Kinder an. Galina fand eine Lagermutter, Maria Petruschina, die sich auch nach der Befreiung um sie kümmerte und sie adoptierte.  Die gesundheitlichen Folgen der Inhaftierung in Auschwitz und Ravensbrück - eine Knochen- und eine Lungentuberkulose - konnten erst 1952 nach langwieriger Behandlung geheilt werden.

Ihren ältesten Bruder, der den Krieg ebenfalls überlebte, fand Galina 1956 nur durch einen Zufall wieder. Galina Gisbrecht lebt jetzt in der Stadt Borisow im Minsker Bezirk in Weißrussland.1995, zum 50 Jahrestag der Befreiung kam sie zum ersten Mal wieder nach Ravensbrück, um am Treffen der überlebenden Kinder teilzunehmen. 2008 nahm sie erstmals am 4. Ravensbrücker Generationenforum teil und berichtete den Teilnehmern über ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Hier wurde auch ein Videointerview mit ihr aufgenommen.

 


Margrit Rustow wurde 1925 in Frankfurt/Main als Margrit (Marguerite) Wreschner geboren. Sie wuchs mit ihrer Schwester Charlotte in einer orthodoxen jüdischen Mittelklasse-Familie auf. Die Eltern waren bei ihrer Eheschließung schon älter und waren bereits vorher mit anderen Partnern verheiratet gewesen. Margrit hat aus beiden Ehen Halbbrüder und -schwestern. Ihr Vater ist Kaufmann in einer Im- und Export-Firma, in deren Geschäftsführung er bald Partner wird. In Margrits Erziehung spielen Bildung und die Hilfe für Arme und gesellschaftlich Schwächere eine große Bedeutung. Als Neunjährige zieht Margrit mit ihren Eltern und ihrer Schwester Charlotte aus Frankfurt nach Amsterdam, wo ihr Vater schon bald verstirbt. Einigen Familienmitgliedern gelingt noch die Flucht in die USA und nach Kanada. Margrit, ihre Schwester Charlotte und ihre Mutter Friederike (geb. Klaber, * 15. August 1888) bleiben mit der Familie eines Bruders zurück. 1940 werden die Niederlande von den Deutschen besetzt. Am 25. November 1943 werden Margrit, Charlotte und ihre Mutter nach einer kurzen Zeit in einem Versteck festgenommen und sie werden in das »Durchgangslager« Westerbork gebracht. Am 5. Februar 1944 verlassen sie mit einem Transport die Niederlande - Richtung Ravensbrück. Hier musste Margrit Zwangsarbeit im »Siemenslager« leisten. In Ravensbrück stirbt Mutter Friederike Wreschner am 8. Januar 1945. Ihre Töchter werden kurze Zeit später in das Getto Theresienstadt deportiert.  Nach ihrer Befreiung im Mai 1945 schlagen sich Margrit und Charlotte erst nach Prag und dann nach Amsterdam durch. Da sie wegen der ungarischen Herkunft ihrer Mutter von den deutschen Besatzern auch als ungarische Juden gesehen wurden, hatten die Deutschen ihre Wohnung nach der Deportation nicht leer geräumt - als sie hineintraten, fanden sie noch den gedeckten Frühstückstisch vor, wie sie ihn Monate vorher verlassen hatten. Bald ist das Haus ein Anlauf- und Treffpunkt für Angehörige und Freunde die aus den Lagern der Deutschen zurückkehren. 1945 erhält Margrit Stipendium für ein Studium in der Schweiz. Danach arbeitet sie mit jüdischen Kriegswaisen, die selber im Versteck oder die Zeit im Lager überlebt haben, deren Eltern aber nicht zurückkehrten. Zwei Jahre später zog Margrit mit Charlotte zu einer weiteren Schwester in die USA.  Sie arbeitet weiter mit Kindern, abends studiert sie. Als Israel gegründet wird, beschließen Margrit und Charlotte, dorthin zu gehen, Margrit kehrt aber schließlich zurück nach New York, um ihr Studium fortzusetzen. Charlotte bleibt in Israel und wird später Vize-Bürgermeisterin von Jerusalem.  Margrit kommt in ihrer Arbeit mit Kindern mit der Psychoanalyse in Berührung - sie wird selber Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Margrit Wreschner heiratet den Soziologen Dankwart Rustow und unterstützt ihn bei der Erziehung seiner Kinder. Heute arbeitet sie für das »NGO Committee on Mental Health« zu »Refugees, Immigrants and Mental Health«Für Margrit Rustow ist das 5. Ravensbrücker Generationenforum das erste, an dem sie teilnimmt.


Videodokumentation


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

21. August 2009 | Ankommen, Kennenlernen, Einfinden

Mit dem Zug, mit dem Auto, alleine oder mit einer Gruppe - bis zum Mittag fanden sich die letzten von uns Teilnehmern ein, einer bunten Truppe von 14 bis über 80, aus allen Teilen Deutschlands sowie aus den Niederlanden.

Bevor der offizielle Startschuss für das 5. Ravensbrücker Generationentreffen fiel, wurden wir erst einmal über das Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück geführt. Die Zeit lief davon und schon stand der nächste große Punkt auf der Tagesordnung: die Begrüßung. Das übernahm Matthias Heyl, Leiter der Pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Wir hatten Gelegenheit, uns gegenseitig und die vielen helfenden Hände kennen zu lernen - um das Kennenlern-Spiel kam niemand herum - aber auch die teilnehmenden Überlebenden Batsheva Dagan, Dr. Margit Rustow, Dr. Eva Bäckerova, Professor Peter Havas und Galina Gisbrecht wurden uns im Plenum nacheinander vorgestellt. Der Rahmen für die kommenden Tage wurde abgesteckt und unsere Videogruppe konnte endlich die Arbeit richtig aufnehmen. Am Abend gab es schließlich mehrere Möglichkeiten miteinander etwas zu unternehmen und ins Gespräch zu kommen - ob durch die Vorführung eines Films, Tischtennis oder einfach nur beieinander sitzen. Allzu lang ließ es aber wohl niemand werden, denn das Programm des zweiten Tages verhieß nämlich, spannend und anspruchsvoll zu werden. Wir freuen uns darauf, Euch aus unserer Perspektive - und auch der der anderen Teilnehmer - in den kommenden Tagen zeigen zu können, was hier im Generationenforum passiert ist und Euch die O-Töne zu präsentieren.

Dieses Video ist ein Vorstellungsfilm der Videogruppe. Um das Video anschauen zu können, benötigen Sie den Windows Media Player oder ein anderes ein Add-In / Plug-In für Ihren Browser, das Filme im WMV-Format lesen kann.


22. August 2009 | Gespräche mit den Überlebenden, »Was bleibt«


23. August 2009 | Gespräche mit den Überlebenden, Kaffenkahnfahrt


24. August 2009 | »Als Kind in Ravensbrück«, »Leben nach dem Überleben«


25. August 2009 | Schloss Bellevue 

Der vorletzte Tag des erweiterten Berlin-Programms war dem Besuch des Bundespräsidialamtes und von Schloss Bellevue gewidmet, wo die Gruppe die Überlebenden, die Preisträger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten und die niederländischen TeilnehmerInnen von Anne von Fallois begrüßt wurden, die den Bundespräsidenten zu Fragen der Bildung berät. Am Nachmittag besuchten die Jugendlichen mit Eva Bäckerova, Batsheva Dagan und Margrit Rustow  die Ausstellung »Stille Helden«, die Blindenwerkstatt Otto Weidt und das Anne-Frank-Zentrum, wo sie sehr spontan von dessen Geschäftsführer, Thomas Heppener, und seinem Mitarbeiter Patrick Siegele begrüßt wurden.


26. August 2009 | Bundestag im Reichstagsgebäude

Am letzten Tag des erweiterten Berlin-Programms besuchten die niederländischen TeilnehmerInnen und die Preisträger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten den Bundestag. Im Reichstagsgebäude wurden sie von Steffen Reiche begrüßt, der Mitglied des Bundestages und Präsident des Landesverbands Berlin-Brandenburg des Deutschen Jugendherbergswerkes ist.

Das Foto zeigt Eva Bäckerova, Batsheva Dagan und Margrit Rustow im Kreis der Preisträger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten vor dem Brandenburger Tor.


Die Videogruppe stellt sich vor


 

   

Johannes Sägert | In Kürze lässt sich über mich sagen, dass ich 20 Jahre alt und angehender Chemiestudent aus Cottbus bin. Vom Generationenforum erhoffe ich mir zum einen, nette Leute aus den verschiedensten Ecken der Welt kennen zu lernen. Zum anderen eröffnen sich für mich besonders durch die interessanten und aufklärenden Gespräche mit den Zeitzeugen neue Horizonte. Dazu hatte ich vorher noch die Gelegenheit! Meine Geschichtsauffassung und Menschenkenntnis in den unterschiedlichsten Facetten wird dies sicherlich bereichern.

Larissa Niemann | 17 Jahre alt, Schülerin des Gymnasiums in Oerlinghausen bei Bielefeld: Hallo, ich bin schon zum 3. Mal hier. Beim ersten Mal war es eine Klassenfahrt, dann wurde ich zum Generationenforum eingeladen. Ich komme gerne hierher, weil man jedes Mal ein Stück Vergangenheit für sich selbst aufnimmt und verarbeitet. Ich habe hier gelernt, wie wichtig und entscheidend die Menschenwürde ist.

Pia Seidel | 14 Jahre alt, Schülerin des Albert-Einstein-Gymnasiums aus Potsdam: Hallo, am Generationenforum nehme ich zum ersten Mal teil. In der Mahn- und Gedenkstädte Ravensbrück bin ich schon zum zweiten Mal. Ich bin hier, weil ich mich sehr für die Geschichte und besonders für den 2. Weltkrieg und seine ganze Komplexität interessiere. Ich freue mich sehr, ein Teil des Video-Teams zu sein und regelmäßig vom Generationenforum zu berichten.

Sinah Düning | 18 Jahre, Schülerin des Niklas Luhmann Gymnasium, aus Bielefeld : Hallo, ich bin Sinah Düning und bin zum dritten Mal hier in Ravensbrück. Zunächst bin auch ich mit meiner ganzen Klasse hierher gefahren, um das ehemalige Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück zu besichtigen. Daraufhin wurden wir zum Generationenforum eingeladen und sind dann mit einer kleinen Gruppe hierher gereist. So auch dieses Jahr.In diesem Jahr bin ich Mitglied der Videogruppe. Ich freue mich euch und Ihnen von der Zeit während des Generationenforums zu berichten.

 

Vanessa Kagelmacher | Ich bin 15 Jahre alt, komme aus Potsdam und gehe auf das Hermann-von-Helmholtz-Gymnasium.

Ich bin zum ersten mal beim Generationenforum. Ich war im Frühjahr mit einer Freundin hier und wir hatten eine Führung mit Herrn Heyl, der uns daraufhin zum Generationenforum eingeladen hat. Ich finde es interessant, mit den Überlebenden zu sprechen und ihre Geschichten und Erfahrungen zu hören. Außerdem gibt es viele tolle Angebote, bei denen man sich über diese Zeit informieren kann.  


Kraft | Tim Dries


Tim Dries | Der Enkel von Mieke van den Burger Steensma, die leider aus gesundheitlichen Gründen nicht am diesjährigen Generationenforum teilnehmen konnte, war bereits Ende April, Anfang Mai 2009 in der Gedenkstätte Ravensbrück gewesen. Damals hatte er ein Gedicht geschrieben, das er im Niederländischen mit dem Wort »Kracht«,  also »Kraft«, überschrieben hatte. Tim hat während des Generationenforums das Gedicht in deutsche und englische Sprache übersetzt und zum Ende der Veranstaltung vorgetragen. 

Kraft

 

welch eine Kraft

nach all den Jahren

welch eine Kraft

sogar jetzt noch

 

jeder Morgen dankbar

noch leben zu können

jeder Morgen dankbar

gleich nach allen Jahren

 

jeden Tag die Kraft zu haben

so leben zu können

jeden Tag die Kraft zu haben

immer fort zu fahren

 

welch eine Kraft

nach allen Jahren

welch eine Kraft

sogar jetzt noch

 

trotz allem

immer leben

trotz allem

nicht vergessen  

Kracht

wat een kracht
na al die jaren
wat een kracht
zelfs nu nog

elke morgen dankbaar
nog te kunnen leven
elke morgen dankbaar
ook na al die jaren

elke dag de kracht te hebben
om zo te kunnen leven
elke dag de kracht te hebben
om alsmaar door te gaan

wat een kracht
na al die jaren
wat een kracht
zelfs nu nog

ondanks alles
blijven leven
ondanks alles
niet vergeten
 

 

 

 

Strength

 

see their strength

after all those years

see their strength

even now

 

thankful every morning

to be still alive

thankful every morning

after all those years

 

every day in strength

to live their own lives

every day in strength

to live one more

 

see their strength

after all those years

see their strength

even now

 

despite it all

still alive

despite it all

still remembering

Den Überlebenden des KZ Ravensbrück und anderer Konzentrationslager gewidmet, um ihre Kraft und Energie zu ehren, die sie noch immer ausstrahlen, allen Schrecken, die sie erlebt haben, zum Trotz.

Geschreven voor de overlevenden van KZ Ravensbrück en andere concentratiekampen, als eerbetoon aan de kracht en levensenergie die zij uitstralen, ondanks de verschrikkingen die zij hebben mee gemaakt.

Written for the survivors of KZ Ravensbrück and other concentration camps, to honour the strength and energy they still have, despite the cruelties they have suffered. (Translation from Dutch to English by the writer)

 


ICH BIN HUNGRIG | Ayten Makiolla


ich bin hungrig
hungrig auf lernen, mich darüber zu informieren
bin sehr hungrig
schnell und jetzt gleich muss ich sehr vieles lernen
warum die Menschen uns quälen
warum sie uns in KZs vernichten

 

ich habe ja gesagt, ich bin hungrig
hungrig auf Liebe
hungrig auf meine Familie
hungrig auf die Schule

 

bin hungrig, was auf der Welt alles so passiert
ich will sofort erfahren, was für Gedanken die anderen, die draußen lebten, hatten, während wir im KZ s waren

 

ich habe Hunger, einen großen Hunger

Hunger auf das Lächeln von Kindern
habe Hunger, auf ein kleines nettes Wort
habe Hunger, geliebt zu werden
habe Hunger, Augen zu sehen die lachen

 

Ich sage ja, ich bin hungrig
jetzt, gleich jetzt muss ich lernen
muss lesen, schreiben lernen
bin hungrig auf lesen, auf schreiben
bin hungrig
meine Ohren haben Hunger auf Musik
meine Augen haben Hunger auf Grünes
meine Haut hat Hunger auf eine schöne Berührung
mein Kopf ist hungrig, will sich einen kurzen Moment auf ein weiches Kissen legen 

 

ich bin hungrig

 

ich darf nicht mehr hungern
alle müssen bald lesen und schreiben lernen 
die ganze Welt darüber informieren und berichten
über Ravensbrück, über Auschwitz, über Peter Havas, über Batsheva Dagan, über all die anderen
ab jetzt darf kein Mensch mehr Hunger haben
ab jetzt darf kein Mensch mehr Hunger spüren

gewidmet den Verstorbenen und den Überlebenden des KZ Ravensbrück,

und ganz besonders Batsheva Dagan, die mich zu diesem Gedicht inspiriert hat - August 2009

 


Wann ist dies hier bloß vorbei? | Fatima Oppong  


Wenn die Winde über unsere kahl rasierten Köpfe wehen

und wir alle hier um Essen flehen

dann weiß ich über alles Bescheid

denn jetzt kommt eine harte Zeit

 

Wir schlafen hier auf Bett zu viert

verstehen uns nicht und meckern viel

denn sprachlich klappt es irgendwie nicht

wir machen Mimik mit Gesicht

 

Wann hört dies Schrecksal bloß hier auf

die Suppen warm mit Schalen

zum Haare waschen oder essen verbraucht

doch jeder hungert was für ne Plage

 

Nun nimmt das Schicksal seinen Lauf

manche von uns steigen zum Himmel hinauf

doch das Leben ging weiter mit Schreck und Graus

 

Doch bald schon bald da war noch Licht

öffnet sich das Tor mit Glücksgesicht

wir rennen raus und freuen uns sehr

und rufen laut: ab heute wollen wir frei sein

wie die Menschen vor uns auch

 

gewidmet den Verstorbenen und den Überlebenden des KZ Ravensbrück,

und ganz besonders Batsheva Dagan, die mich zu diesem Gedicht inspiriert hat - August 2009


»So viele Kontraste und Gegensätze verbinden sich hier miteinander und machen alles hier zu etwas ganz Besonderem.« | Reaktionen aus Oerlinghausen


Amelie Külker | Mir hat das Generationenforum sehr gut gefallen. Ich war schon mehrere Male in Ravensbrück (Klassenausflug, Generationenforum), und konnte wieder viele neue Eindrücke sammeln. Ich finde es sehr wichtig und wertvoll für die jüngeren Generationen, dass solche Treffen stattfinden. So kann man über Gespräche mit den Überlebenden ihr individuelles Schicksal erfahren. Dies hinterlässt bleibende Eindrücke und ist wirkungsvoller, als nur die Erkundung des Themas durch Bücher. Sehr gut gefallen hat mir, dass es mehrere verschiedene Angebote gab, so dass man zwischenzeitig auch Zeit hatte, um die Gedenkstätte selbst zu erkunden. Neben den Gesprächen mit den Überlebenden fand ich die Fahrradexkursion zum Mädchenkonzentrationslager und die Führung durch die Aufseherinnenausstellung sehr beeindruckend. Alles in allem waren für mich die Tage sehr beeindruckend und erlebnisreich und die Stimmung war trotz des schwierigen Themas nicht zu ernst! 


Mareike Jagnow | Bei dem Generationsforum hat mir sehr gefallen, dass man so viele Fragen stellen konnte, wie man wollte. Die Überlebenden waren sehr offen, was ich sehr zu schätzen weiß, da sie einem wirklich alle Fragen, die man hatte, beantwortet haben. Außerdem hat mir die Ausstellung zu den Aufseherinnen sehr gut gefallen. Die Bilder, Fotos und Texte waren sehr anschaulich und die Führung fand ich ebenfalls gelungen, da sie von der "Macherin" der Ausstellung gemacht wurde und diese sich somit mit dem Thema vielleicht noch besser auskannte, als möglicherweise eine einfache Angestellte, sie konnte auch ausschweifende Fragen zu den Familien und wie diese sich in den Interviews verhalten haben, beantworten, was als Hintergrundinformation sehr hilfreich war. €¦ jedoch würde ich sagen, dass mir dieses Wochenende sehr sehr gut gefallen hat und ich es an alle interessierte Jugendliche weiterempfehlen würde, einmal an so einem Generationsforum teilzunehmen.


Saskia Senft | Alles in allem kann ich sagen, dass dieses Wochenende sich wirklich gelohnt hat und ich sehr froh bin, dass ich diese wertvollen Erfahrungen machen konnte. Eine vielleicht einmalige Chance. Und ich finde es großartig und bewundernswert, wie Überlebende aus dieser grausamen Zeit vor so vielen Menschen ihre persönlichen und privaten Gedanken, Gefühle und Erlebnisse preisgeben und was für einen Lebensmut sie ausstrahlen.

So ein Wochenende ist nicht einfach vorbei, nachdem man den Heimweg angetreten hat. Es wirkt noch eine Weile nach und ich kann sagen, dass es eine sehr emotionale Erfahrung für mich war, ich aber jederzeit gerne wieder teilnehmen würde und auch anderen Jugendlichen nur wünschen kann, dass sie ebenfalls die Chance bekommen an diesem Projekt teilzunehmen. Es lohnt sich wirklich und man beginnt sein eigenes Leben und Handeln zu überdenken.


Melanie Siese | Es war sehr interessant die Überlebenden zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Jedes einzelne Schicksal fand ich sehr bewegend und man konnte zumindest ansatzweise eine Vorstellung davon bekommen, wie schrecklich das Leben im Dritten Reich gewesen sein muss. Deswegen war diese Zeit für mich auch sehr emotional und die Vergangenheit viel eindrucksvoller als es ein Geschichtsbuch hätte vermitteln können. Außerdem hat mir sehr gefallen, dass man zu allem Fragen stellen konnte und ich so auch Dinge erfahren habe, die mich wirklich interessieren und die man nicht einfach aus der Literatur lernen kann. Bei all den vielfältigen Informationen und Eindrücken über die Umstände im KZ, fand ich jedoch die Einstellung der Überlebenden und deren Umgang miteinander und der Vergangenheit am beeindruckensten. Sie alle mussten ihre Erfahrungen (teilweise auf sehr unterschiedliche Art und Weise) verarbeiten und es hat mich sehr erstaunt wie lebensfroh und positiv diese Menschen jetzt leben und wie fröhlich und locker sie einander behandeln.


Larissa Nieman | Es ist einfach schon der Ort allein. Mir wird immer wieder klar, wie wichtig die menschliche Würde und Achtung ist, wenn ich in Ravensbrück bin. Es ist unvorstellbar, wenn man heute an diesem Ort ist und sieht, wie wichtig eigentlich unser erster Artikel des Grundgesetzes ist und wie real es hier ist und dann den Kontrast dazu nachempfindet, wenn die Überlebenden erzählen. So viele Kontraste und Gegensätze verbinden sich hier miteinander und machen alles hier zu etwas ganz Besonderem. 


Fotos als Film

Hier finden die TeilnehmerInnen des Generationenforums die Fotos von Anthea Korinth, Angie Meyer, Reinhard Bienek und Outreach|Reachina als Filme.


 

 

 

 



 

 

Gefördert von der Stiftung » Erinnerung, Verantwortung, Zukunft«

 

Unser Partner 2009