7. Europäische Sommer-Universität  Ravensbrück 2011 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Europäische Sommer-Universität Ravensbrück

»Geschlecht und Rasse in der NS-Medizin«

Tagungsbericht von Katja Geiger (Wien) und Adalbert Wagner (Wien)

 

Vom 28. August bis 2. September 2011 fand in der Gedenkstätte Ravensbrück die 7. Europäische Sommer-Universität statt. Unter dem Titel»Geschlecht und Rasse in der NS-Medizin« fanden sich rund 120 TeilnehmerInnen aus Universitäten – ForscherInnen, DozentInnen und StudentInnen -, aus der Erwachsenenbildung, aus Schulen und Gedenkstätten, befanden sich 45 StipendiatInnen aus Großbritannien, Polen und Österreich sowie Frauen und Männer aus Frankreich, Schweden, Italien, der Schweiz und den USA. An dem seit 1959 gewachsenen Erinnerungsort Ravensbrück beschäftigten sie sich mit neueren Zugängen und Forschungsergebnissen des Themenkomplexes Medizin bzw. Biowissenschaften und Politik in ihren Wechselwirkungen mit den Kategorien »Rasse« und »Geschlecht«.

Als neuer Konsens hat sich in der Medizin- und Wissenschaftsgeschichte die Überzeugung herausgebildet, dass sich NS-Medizin und „Normalmedizin“ nicht säuberlich voneinander abgrenzen lassen. Die personellen, institutionellen und epistemologischen Übergänge waren vielmehr fließend. Gleichwohl stellten die politischen Systembrüche von 1933 und 1945 sowie die politischen Markierungspunkte innerhalb dieser Zeitspanne – wie forcierte Aufrüstung seit 1936, Kriegsbeginn 1939, Kriegswende 1942/43 – auch biopolitische Weichenstellungen dar. Dank dieser neueren Forschungen ist es heute möglich, dass Verhältnis von Politik und Medizin bzw. Biowissenschaft im Nationalsozialismus und seine historischen Dynamiken sehr viel genauer zu beschreiben. Weitgehend versäumt wurde in diesen jüngeren Forschungen jedoch, die Kategorie »Geschlecht« systematisch in die Analyse einzubeziehen.

Insa Eschebach

Podium

Botschafter

Insa Eschebach [Foto: Stephan Röhl, Berlin]

Swantje Koebsell (Universität Bremen), Paul J. Weindling (Oxford Brookes University), Sabine Schleiermacher (Charité Berlin), Anne Cottebrune (Universität Gießen) [Foto: Stephan Röhl, Berlin]

Vertreter der Borschaften der Republik Österreich, der Republik Polen und des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland [Foto: Stephan Röhl, Berlin]

 

Zum Auftakt versammelten sich am 28. August 2011 in der Heinrich Böll-Stiftung in Berlin sogar 160 TeilnehmerInnen. Neben den Grußworten der VeranstalterInnen, dem Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie der Botschaftsvertreter des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland, der Republik Polen und der Republik Österreich erfolgte der thematische Einstieg über eine Podiumsdiskussion zur Bedeutung der NS-Medizin für aktuelle medizinische Debatten. Unter der Moderation von Sabine SCHLEIERMACHER (Charité Berlin) diskutierten Anne COTTEBRUNE (Universität Gießen), Swantje KOEBSELL (Universität Bremen) und Paul WEINDLING (Oxford Brooks University) das Verhältnis innerwissenschaftlicher Entwicklung und ärztlicher Ethik, Grenzen ärztlichen und medizinischen Handelns, die Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen von Diagnostik und Therapie sowie die Forschung mit und an menschlichem Erbgut.

 

Welche historischen Dynamiken führten dazu, dass ein hinsichtlich seines Sozial- und Versicherungssystems als fortschrittlich zu betrachtendes Land wie Deutschland Praktiken der Vernichtung einer Unzahl als „minderwertig“ klassifizierter Menschen installierte? Welche Mechanismen der Selbstmobilisierung der ÄrztInnenschaft standen der in älteren historischen Forschungsarbeiten angenommenen Indienstnahme der Gesundheitsberufe durch die Politik entgegen? Wo und in welchem Ausmaß müssen geschlechts- und sozialspezifische Determinanten in die Analyse der historischen und aktuellen Dynamiken von Diskriminierung in Biowissenschaften mit einfließen? Im Podium bestand Einigkeit darüber, dass mittels historischer Analysen ein breiteres Verständnis über die multiplen Zusammenhänge und Bezugseben von Geschlecht und Rasse sowie Nationalsozialismus und Medizin anzustreben sei.

Im nachfolgenden Publikumsgespräch wurde die Aktualität gerade hinsichtlich des heutigen Gesundheitssystems angesprochen, das zunehmend mit dem Dilemma konfrontiert ist, zwischen ökonomischen Notwendigkeiten in der medizinischen Versorgung und individualrechtlichen Ansprüchen der PatientInnen wählen zu müssen. Ob sich nun innerhalb dieser Entwicklung nicht eugenische Argumentationsmuster einschleichen, die bereits maßgeblich zur restriktiven Umsetzung des Kosten-Nutzen-Kalküls der NS-Medizin geführt hatten, wurde den TeilnehmerInnen als tagespolitische Problemstellung mit auf die Fahrt zur Gedenkstätte Ravensbrück gegeben.

Runcis Weber Carola Sachse
Maja Runcis (Universität Stockholm), Regina Wecker (Universität Basel) [Foto: Stephan Röhl, Berlin] Elizabeth Hurley  (University of Nottingham) und Carola Sachse (Wien)
[Foto: Stephan Röhl, Berlin]

 

29.8.2011

Der erste Tag der Sommer-Universität war dem Themenkomplex „Bevölkerung und Eugenik als Geschlechter- und Rassenpolitik im 20. Jahrhundert“ gewidmet. In ihrer Einführung verwies Insa ESCHEBACH (Gedenkstätte Ravensbrück) darauf, dass eugenische Ideen bereits im 19. Jahrhundert, so zum Beispiel bei Friedrich Nietzsche, auftauchten. In der nationalsozialistischen Gesetzgebung fungierten sie als konstitutives Element, das repressive Maßnahmen wie die Zwangssterilisation rechtfertigte und darüber hinaus Menschenversuche in den Konzentrationslagern rechtfertigte. Mit Blick auf geschlechtsspezifischen Unterschiede der Verfolgung warf Eschebach die Frage nach unterschiedlichen Mortalitätsraten von Männern und Frauen sowie nach dem Einwirken von Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit in rassenhygienisch motivierten Praktiken in der NS-Medizin auf.

 

Gransee-Zeitung Gransee-Zeitung
Regina WECKER (Basel) begann ihren Vortrag über „Die ‚Normalität’ der Eugenik: Geschlechterpolitik als Rassenpolitik“ mit der Etablierung der Eugenik als Wissensfeld seit Ende des 19. Jahrhunderts im wissenschaftlichen Denken und Handeln in Europa und den USA. Sie verwies auf die Formulierung des Begriffes „Rassenhygiene“ durch Alfred Ploetz[1], Ideen zur Höherentwicklung des Menschen durch die Anwendung „positiver“ und „negativer“ Eugenik, die Wiederentdeckung der Mendel’schen Vererbungsregeln sowie deren Übertragung auf den Menschen. Wecker zeigte auf, wie sich in Wissenschaft und Politik international der Glaube durchsetzte, mit Hilfe der Eugenik die Folgen der sozialen Probleme der Industrialaisierung lösen zu können. Eugenische Denkansätze zur Verhinderung von „unerwünschtem“ Nachwuchs sind insbesondere nach Ende des Ersten Weltkrieges in den USA, der Schweiz sowie in Skandinavien in allen politischen Diskursen festzustellen. Die vom Psychiater Hoche und dem Strafrechtswissenschaftler Binding[2] aufgestellte Forderung nach der „Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ stieß international allerdings nicht auf Zuspruch. Wenn in demokratischen Staaten auf der Ebene von Sozialpolitik, wissenschaftlicher Forschung sowie in der Medizin dennoch eugenische Programme weiter verfolgt wurden, so geschah dies seit Machtergreifung der Nationalsozialisten in Abgrenzung von der Rassenhygiene in Deutschland, die begrifflich von der Eugenik geschieden und durch das politische System des Nationalsozialismus zur Ausübung von rigorosem Zwang ermächtigt war. Hinsichtlich der Wirkungsweisen der Kategorien Geschlecht und Rasse in eugenischen Praktiken führte Wecker folgende Aspekte an: Prinzipiell bestand in der internationalen scientific community Einigkeit darüber, dass Vererbung durch Männer und Frauen gleichermaßen erfolgt. Entsprechend konnte Gisela Bock für die Opfer nationalsozialistischer Sterilisierungen Geschlechterparität nachweisen. Der operative Eingriff war allerdings an Männern gefahrloser, weshalb unter den rund 5000 Todesopfern der Operationen 90% Frauen befanden.[3] Dennoch wurden in demokratischen Staaten im Verhältnis zu Männern mehr Frauen sterilisiert, was Wecker darauf zurückführt, dass Reproduktion als vornehmlich weibliche Aufgabe angesehen wurde und dass man danach trachtete, Frauen vom Familienleben auszuschließen, wenn ihnen nicht zugetraut wurde, ihren Funktionen in Erziehung und Haushaltsführung angemessen nachzukommen. Wecker verwies abschließend noch eindringlich auf das Ineinandergreifen von Ethnizität, sozialem Status und Geschlecht in theoretischer Diskriminierung und praktischer Verfolgung durch eugenisch motiviertes Handeln.

Carola SACHSE (Wien) betonte in ihrem Kommentar die im vom Nationalsozialismus unabhängigen Charakteristika der Denkrichtung, wie sie international anzutreffen waren. Neben der Unterscheidung in „positive“ und „negative“ Eugenik sei vor allem die Kostenkalkulation im Sinne einer „Bewirtschaftung“ der Bevölkerung als eine bis in den Merkantilismus zurückreichende Tradition sowie die Ausübung von direktem und indirektem Zwang im Zusammenhang mit Sterilisationen sowie der Trend zur Biologisierung des Sozialen zu nennen. Als Folgen der besonderen politischen Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur hingegen nannte Sachse die Schaffung von gesetzlichen Grundlagen für die Zwangssterilisation, die mit der Errichtung einer eigenen Gerichtsbarkeit, der Erbgesundheitsgerichte, dem Zugriff auf bestehende Institutionen und der Mobilisierung aller Instanzen so strikt und umfassend verfolgt wurde, dass NS-Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern die weitaus höchste Zahl an Betroffenen aufwies. Hinsichtlich der Funktion der Kategorie „Rasse“ in der Rassenhygiene gab Sachse die Differenzierung von Alfred Ploetz in eine den „Volkskörper“ umschreibende „Vitalrasse“ und in „Systemrassen“, die Juden und andere ethnische Gruppen als „Rasse“ fassten, zu bedenken. Denn die Vorstellungen von prinzipiell „minderwertigen“ und „höherwertigen Rassen“ und von einem qualitativ aufzuwertenden „Volksganzen“ bildeten zwei Stränge der Verfolgung, die sich im nationalsozialistischen System konzeptionell beeinflussten sowie radikalisierten und sich im Hinblick auf die Ausübung von Gewalt gegenseitig radikalisierten.

Der Nachmittag bot die Möglichkeit, in vier Workshops einzelnen Aspekten der Eugenik an ausgewählten Quellen nachzugehen. Maija RUNCIS (Soedertoerns Hoegskola), „Discussion about forced Sterilisations and Gender in Sweden and Scandinavia“, Thomas MAYER (Wien), „Eugenik in Österreich“, Elizabeth HARVEY (University of Nottingham), „Biopolitics, Gender and Germandom: Homegrown Trends and Nazi Imports in South-eastern Europe 1930-1945“, Kamila UZARCZYK (Uniwersytet Wroclawski), „The Normality of Eugenics: Gender Policies as Racial Policies. Gender, Race, Jews in Poland 1939-1945”. Die Ergebnisse aus den Gruppenarbeiten kamen, wie auch an den folgenden Tagen, am Abend zur Diskussion ins Plenum.

         
Arlette Hasselbach (Willer sur Thur) und Eve Gissinger (Guebwiller)  [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Uta Körby (Gedenkstätte Kaltenkirchen) [Foto: Kristina Strauss, Berlin]  Patricia Heberer (USHMM Washington), Herwig Czech (Universität Wien)   [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Sari Siegel (University of California, Los Angelos) [Foto: Kristina Strauss, Berlin]  
         
         
 Kamila Uzarczyk (Uniwersytet Wrocławski) im Workshop [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Thomas Mayer (Universität Wien)  [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Bericht aus den Workshops im Plenumg: v.l.n.r. Regina Wecker (Universität Basel), Kamila Uzarczyk (Uniwersytet Wrocławski), Thomas Mayer (Universität Wien), Maja Runcis (Universität Stockholm), Elizabeth Harvey (University of Nottingham)    [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Angelika Mayer (Gedenkstätte Ravensbrück), 2.v.l.,  bei einer Führung über das Gelände  [Foto: Kristina Strauss, Berlin]  
         
         
v.l.n.r.: Christl Wickert (Gedenkstätte Ravensbrück), Volker Roelcke (Universität Gießen), Insa Eschebach (Gedenkstätte Ravensbrück), Hans-Jürgen Schmuhl (Universität Bielefeld)  [Foto: Kristina Strauss, Berlin]  Gedenkzeremonie  [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Aleksandra Loewenau (Oxford Brookes University)  [Foto: Kristina Strauss, Berlin] Andrea Genest (Gedenkstätte Sandbostel), Anna Hájková (University of Toronto)  [Foto: Kristina Strauss, Berlin]  
         
         
Forschungsbörse: Bonnie Poe (University of North Florida) und Britta-Marie Schenk (Universität Hamburg)  [Foto: Kristina Strauss, Berlin]  Forschungsbörse: Anja Peters (Universität Greifswald) [Foto: Kristina Strauss, Berlin]

Thomas Schaarschmidt (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) [Foto: Kristina Strauss, Berlin]

 
         

30.8.2011

Unter der Moderation von Astrid LEY (Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde Brandenburg) befassten sich die ReferentInnen des zweiten Tages mit der „Euthanasie“ als weiterem Bereich der NS-Medizin, in dem der Bedeutung von Rasse und Geschlecht nachgegangen werden sollte.

Patricia HEBERER (United States Holocaust Memorial Museum) präsentierte in ihrem Vortrag „Giving a Face to Faceless Victims: Profiles of Female and Male Victims of the Nazi ‚Euthanasia’ Program“ einen neueren Ansatz in der Erforschung der NS-Medizinverbrechen. Während seit den 1980er Jahren eine Vielzahl von Ergebnissen zur Organisationsstruktur der Tötungen kranker und behinderter Menschen sowie zu den Profilen der TäterInnen während des Zweiten Weltkrieges bereitgestellt worden sind, gibt es nach wie vor Lücken in der historischen Kenntnis von Leben und Erfahrungen der Betroffenen zu schließen. Heberer hat rund 500 PatientInnenakten aus der schwäbischen Anstalt Kaufbeuren ausgewertet, wo etwa 1350 PatientInnen im Zuge der „Euthanasie“ ermordet worden waren. Nach einem statistischen Überblick über die Zusammensetzung der InsassInnen der Anstalt nach Geschlechts-, Religions-, Berufs-, regionaler- sowie sozialer Herkunft und Schulbildung kam die Referentin auf die betroffenen Menschen selbst zu sprechen, wobei ihr besonderes Interesse den persönlichen Bedingungen galt, die ein Überleben der Tötungsaktionen begünstigten: LangzeitpatientInnen entgingen der Ermordung , wenn ihre Arbeitskraft ausgenützt werden konnte oder/und wenn sie dem Anstaltspersonal wenig „Unannehmlichkeiten“ in der Pflege bereiteten. Die Wahrscheinlichkeit durch Medikamente oder Hunger umzukommen sank für PatientInnen, die aus der näheren Umgebung stammten gegenüber jenen, die bereits als für die Vernichtung selektiert in die jeweilige Anstalt eingeliefert wurden. Heberer verwies auf die hohe Zahl und das Schicksal der durch die Geschichtswissenschaft bislang wenig erforschten Gruppe älterer „Euthanasieopfer“, die unter Arteriosklerose, den Folgen eines Schlaganfalls oder Demenz litten unter Hinweis auf Fallbeispiele aus den Akten.

Winfried SÜSS (Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam) skizzierte in seinem Vortrag über „Akteure, Motive und Entscheidungswege in der nationalsozialistischen ‚Euthanasie’“ zunächst die Tötungsprogramme („Kindereuthanasie“ in den so genannten Kinderfachabteilungen, Massenerschießungen von PsychiatriepatintInnen im Osten, die so genannte T4-Aktion, die 14F13 Aktion, die dezentralisierten Tötungen), als deren Folge an die 300.000 Opfer zu verzeichnen sind. Daran anschließend besprach Süß die für die Ermittlung der Motive der Täter heranzuziehenden Justizakten mit dem Hinweis darauf, dass diese Quellen der Eigenlogik ihres Entstehungskontextes folgen würden und daher in ihrer Aussagekraft limitiert seien. Besonderes Augenmerk legte der Vortrag auf die kriegswirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Massenmordes und die stark verknappten Gesundheitsressourcen, die die Entscheidung zur Tötung von als nicht arbeitsfähig eingestuften PatientInnen forciert und zur Umwidmung der Anstalten für militärische Zwecke geführt hätten. Eine weitere für den Verlauf der „Euthanasie“-Aktionen wichtige Entwicklung führte der Referent mit der Verlagerung der Entscheidungsebene vom politischen Zentrum in die jeweiligen Tötungsanstalten ab 1942 an. Anhand der Darstellung des Verlaufes des Massenmordes in der nördlichen Rheinprovinz zeigte er das Zusammentreffen der beiden genannten Aspekte auf, die in „Verdrängungsketten“ kulminierten. In knappen Worten bedeutete dies die Verlegung bzw. Tötung von PsychiatriepatientInnen im Fall der Zerstörung eines Krankenhauses nach Abwägung des Grades ihrer Arbeitsfähigkeit. Zu betonen sei bei diesem Vorgang, dass Verlegungen nicht primär auf Tötung abzielten, von diesen unabhängig beschlossen wurden, dass die lokalen Akteure die Folgen aber unhinterfragt in Kauf nahmen, um sich Zugriff auf die Raumressourcen der psychiatrischen Anstalten zu verschaffen. Süß’ Ausführungen zeigten die Systematisierung und Periodisierung der „Euthanasie“-Mordaktionen auf; die Frage nach der Bedeutung der Kategorien Rasse und Geschlecht blieb allerdings, abgesehen von dem Hinweis darauf, dass die Akteure in den zentralen Entscheidungspositionen durchgehend Männer waren eine Leerstelle.

 Der Kommentar von Hans-Walter SCHMUHL (Bielefeld) stellte die wichtigsten Trends der Forschung aus den beiden Vorträgen zusammen. Unter Berücksichtigung kriegswirtschaftlicher Motive der Kranken- und Behindertenmorde hob er auf die Intensivierung der „Euthanasie“-Verbrechen in der letzten Phase des Krieges sowie die Verlagerung von Entscheidungen auf die regionale Ebene ab und stellte auf das Bestreben der neueren Forschungen ab, den Opfern ein Gesicht zu geben. Schmuhl diskutierte die analytischen Möglichkeiten der Auswertung von Beständen von Krankenakten als serielle und biographische Quellen unter der Forderung, bei der historischen Rekonstruktion einzelner Fälle anhand der in den Akten enthaltenen Egodokumente Konzepte und Methoden aus anderen Disziplinen zu entlehnen, etwa aus der Volkskunde, den Kulturwissenschaften, der Literaturwissenschaften. Die Bedeutung der Befunde über die hohen Zahlen an älteren Opfern und die Hinwendung zu den Endphasen der „Euthanasie“ hob er noch einmal ausdrücklich hervor. Der Kommentar schloss allerdings nicht ohne Kritik am Mangel von Reflexionen zu geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen in beiden Beiträgen. Künftig müsse untersucht werden, wie entsprechend der zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen kulturellen Räumen gesellschaftlich vorherrschenden Geschlechterbilder aus Frauen Patientinnen und aus Männern Patienten werden.

In der Diskussion griff Paul Weindling die Handlungsspielräume von ÄrztInnen und deren eingespielten Kommunikationsnetzwerken auf. Carola Sachse verwies darauf, dass hinsichtlich der Suche nach der Bedeutung der Kategorie Geschlecht gerade in der Zusammensetzung des Personals der Tötungseinrichtungen wertvolle Anknüpfungspunkte liegen würden. Es wäre nicht nur zu untersuchen, welche geschlechtlich determinierten Hierarchien zwischen Ärzten und Ärztinnen sowie zwischen Pflegern und Pflegerinnen bestanden haben, sondern auch, ob der Umgang mit PatientInnen nach deren Geschlechtszugehörigkeit unterschieden werden könne. Ein solcher Fokus auf die Routine in den Anstalt wurde in der weiteren Diskussion auch als notwendiger Ansatz betont, den es für Forschungen zu personellen Kontinuitäten in den Psychiatrien nach Kriegsende und für eine Geschichte der Pflege in den 1960er und 1970er Jahren zu berücksichtigen gelte. Darüber hinaus wurde für die „Euthanasie“ als noch genauer zu analysierendes Thema der Prozess der Diagnosenstellung in psychiatrischen Fällen angesprochen. Um die Komplexität des Vorganges aufzuzeigen, seien nicht nur die professionell handelnden AkteurInnen und ihre Kommunikationsformen untereinander zu beachten, sondern ebenso die Beteiligung des sozialen und familiären Umfeld der PatientInnen, wo eine Vielzahl an möglichen Verhaltens- und Handlungsweisen angenommen werden können, die in der einen oder anderen Weise Einfluss auf die Diagnose hatten.

 

Mit vielen offenen Fragen begannen die Workshops am Nachmittag, deren Leitung die drei ReferentInnen des Vormittages bestritten. Die TeilnehmerInnen erhielten die Gelegenheit, sich in kleineren Gruppen anhand ausgewählter Quellentexte weitere Aspekte des Themenkomplexes „Euthanasie“, Geschlecht und Rasse zu erarbeiten, Nachfragen an die ExpertInnen zu richten sowie Ergebnisse und Kritik aus den Gruppenarbeiten in der gemeinsamen Abendsitzung zu präsentieren.

 

 

31.8.2011

Der dritte Tag begann mit Themenführungen zur Geschichte des KZ Ravensbrück, zum Krankenrevier und zur Entwicklung der Gedenkstätte durch das Gelände der heutigen Gedenkstätte Ravensbrück durch Angelika Meyer, Matthias Heyl, Sabine Arend, Sabine Kritter und Andrea Genest. Es fand eine gemeinsame Gedenkfeier für die in Ravensbrück zu Tode gekommenen Häftlinge statt.

Danach präsentierte Paul WEINDLING (Oxford Brookes University) das von ihm geleiteten Projekts „The Victims of Unethical Experiments and Coerced Research under National Socialism“. Ziel des Projektes ist die Erfassung aller Todesopfer und Überlebender unethischer, unter Ausübung expliziten oder impliziten Zwangs durchgeführter medizinischer Forschung, unter ihnen die Versuche an PatientInnen in psychiatrischen Anstalten, in Konzentrationslagern, die Tötungen im Rahmen der „Euthanasie“-Aktionen, die Verwendung von Körperteilen dieser Opfer und von Opfern politischer Verfolgung zur Herstellung anatomischer Präparate sowie anthropologische Untersuchungen an Personen aus Ghettos und Konzentrationslagern. Erhebungen von Zahlen sowie Aussagen über den Stellenwert von Menschenversuchen im Holocaust und in der NS-Medizin generell werden im Projekt durch die Erarbeitung von Biografien ergänzt. Die Opfer setzten sich der nationalen Herkunft sowie der Religionszugehörigkeit nach sehr heterogen zusammen, wobei die aus Polen stammende Gruppe den größten Anteil hatte und die Zahl jüdischer Opfer mit dem Jahr 1942 stark angestiegen war. Der Altersstruktur nach waren die Versuchspersonen gehäuft in ihren beginnenden 20er Jahren, entstammten aber insgesamt aus allen Altersgruppen. Bezüglich des quantitativen Ausmaßes der Menschenexperimente ist ein großer Anstieg in den Jahren 1941-1942 festzustellen, der bis 1944 konstant hoch blieb. Für die Rekonstruktion individueller Lebensgeschichten Überlebender untersucht die Projektgruppe um Weindling vor allem Entschädigungsverfahren, die nicht nur Aspekte persönlichen Leidens preis geben, sondern auch viel über den Umgang der Nachkriegsjustiz mit den Opfern der NS-Medizin. So zeigen die ersten Ergebnisse, dass die Arbeitsfähigkeit der KlägerInnen im Vordergrund stand und sich danach die Höhe der ausgezahlten Geldbeträge richtete. Eine solche juristische Logik habe es mit sich gebracht, dass beispielsweise Hausfrauen die finanzielle Entschädigung versagt wurde und dass die Betroffenen durch respektlose Umgangsweisen mit ihren Forderungen seitens der Behörden weiteren Traumatisierungen und Demütigungen unterworfen waren.

In der Diskussion wurden Fragen nach an medizinischen Versuchen beteiligten Anstalten und Forschungseinrichtungen, in denen unethische Experimente stattgefunden haben, thematisiert. Andere vom Publikum angesprochene Aspekte waren die Selektion von Personen nach bestimmten anatomischen bzw. „rassischen“ Kriterien und Geschlechtszugehörigkeit, das Zustandekommen der Ravensbrücker „Kaninchen“ als besonders „prominente“ Opfergruppe und das Erwachen von Interesse und Bewusstsein für die „medical war crimes“ in Polen.

Am Nachmittag fanden NachwuchswissenschaftlerInnen aus Deutschland, Polen, Schweden, Österreich und den USA die Gelegenheit im Rahmen einer Forschungsbörse ihre Projekte vorzustellen. Die verschiedenen Arbeiten wiesen vielfältige Anknüpfungspunkte zum Tagungsthema Rasse und Geschlecht in der NS-Medizin auf: in der Gruppe zu „Medizin im Konzentrationslager“ referierten Ljiljana Heise (FU Berlin) über „Geschlechter- und Medizindiskurse vor Gericht. Der vierte britische Ravensbrück-Prozess gegen das medizinische Personal des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück“, Sari Siegel (University of Southern California, Los Angeles) über „Dr. Gisella Perl and Out of the Ashes: Making an Auschwitz prisoner physician acceptable to an audience“ und Dagmar Lieske (FU Berlin) über „’Berufsverbrecher’ als Opfer von Zwangssterilisationen und der Aktion 14f13“. Als „Akteurinnen des Gesundheitswesens“ stellten in Gruppe 2 Josephine Ulbricht (Universität Leipzig) “Das weibliche DRK-Personal im Zweiten Weltkrieg zwischen nationalsozialistischer Propaganda und sozialer Realität“, Nils Hansson (Lund University) Ausländerinnen, die 1935-1943 die Schule der Deutschen Ärzteschaft in Alt Rehse besuchten und Anja Peters (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald) einen Vergleich der Biografien von Luise von Oertzen, Generaloberin der Deutschen Schwesternaschaften vom Roten Kreuz, Nanna Conti, Führerin der Deutschen Hebammen, und Herta Oberheuser, Assistenzärztin in Hohenlychen und Ärztin im KZ Ravensbrück, vor. In der Gruppe über „Kontinuitäten und internationale Vergleiche im 20. Jahrhundert“ stellten Bonnie Pope (University Of North Florida) ihr Papier über Eugenik und Gesundheitspolitik in den Vereinigten Staaten 1900-1935 vor, Herwig Czech (Universität Wien) über „Gesundheit, Krankheit und Tod. Wien 1944-1948“ und Britta-Marie Schenk (Universität Hamburg) über „Verhinderung von Behinderung in der Sterilisationsdebatte. Biopolitische und geschlechtsspezifische Argumentationen in der Bundesrepublik der 1980er Jahre“.

 

01.09.2011

Volker ROELCKE (Universität Gießen), widerlegte in seinem Beitrag über „Medizinische Experimente im Frauen KZ Ravensbrück und die Entschädigungspolitik“ eindeutig die immer noch weit verbreitetenAnschauung, dass es sich bei medizinischer Forschung an KZ-InsassInnen um so genannte Pseudowissenschaft handelte. Roelcke weißt dies anhand einer chronologisch differenzierten Betrachtung der Debatten um das medizinische Problem infizierter Kriegswunden, die während des Zweiten Weltkrieges mit Sulfonamid behandelt wurden. Die Wirkung von Sulfanomiden war eine breit diskutierte Frage in der medizinischen Community. Auch die Methodik der medizinischen Versuche war keineswegs überholt, sie wurde jedoch 1:1 vom Tierversuch auf den Menschen übertragen, weshalb Roelcke auch vom Humanmodell sprach. Als Folge kriegstechnischer und kriegsstrategischer Veränderungen im Ersten Weltkrieg fragten sich Wissenschaftler sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien in den 1920er Jahren, welche therapeutischen Mittel den Folgen des Wundstarrkrampfes entgegengesetzt werden könnten. So wurde der Einsatz von Sulfonamiden von ÄrztInnen unter anderem an weiblichen Häftlingen des Konzentrationslagers Ravensbrück erprobt. Die Probandinnen wurden dabei auf grausamste Weise als Untersuchungsobjekte instrumentalisiert, gänzlich entmenschlicht und skrupellos dem tödlichen Ausgang der Experimente preis gegeben. Das den Versuchsanordnungen zugrundeliegende Wissen entsprach durchaus methodisch dem internationalen Stand der Forschung. Von dieser Prämisse ausgehend fragte Roelcke nach Formen der Ausschöpfung von Möglichkeiten, welche die an medizinischem Wissensgewinn orientierte Forschung unter den speziellen Voraussetzungen von Krieg und Nationalsozialismus vorfand. Er skizzierte die Sulfonamidforschung als methodisch sauber, aber ethisch radikal und menschenverachtend und damit genau im Gegensatz zu den zeitgleichen Forschungspraktiken in anderen Ländern: Die methodische Korrektheit bezog Roelcke auf die ethische Grenzüberschreitung der konsequenten wie strikten Umlegung des Tiermodells auf den Menschen als Humanmodell, im Falle Ravensbrücks auf jene Frauen, die „Versuchskaninchen“ wurden.[4]

Am Beginn seines Vortrags über „Entschädigungsforderungen von polnischen Ravensbrückerinnen“ stand für Jakub DEKA (Fundacja Polsko – Niemieckie Pojednanie Warszawa) die Bedeutung der Medizinverbrechen in der öffentlichen Wahrnehmung während und nach dem Nürnberger Ärzteprozess 1946/47, im Rahmen dessen die während des Zweiten Weltkrieges an KZ-Häftlingen durchgeführten Versuche als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft wurden. Von den Gerichtsverhandlungen ausgehend erläuterte er den Weg vom Aufkommen der ersten Entschädigungsforderungen bis zu den schrittweisen Auszahlungen an die Opfer. Deka zeigte auf, wie internationale politische Beziehungen im Kalten Krieg und nach 1989 die mediale Repräsentation der Opfer und ihrer Forderungen in der Öffentlichkeit die Entschädigungspraxis strukturierten. Eine zentrale Rolle in den Entschädigungsverhandlungen kam der Bundesrepublik zu, da sich die DDR nicht als Rechtsnachfolgerin des nationalsozialistischen Deutschlands verstand.

Die Kommentatorin Judith Hahn (Berlin) versuchte mögliche Fragestellungen mit dem Fokus auf Geschlecht und Rasse zu formulieren, um solche in den Nachmittagsworkshops eingehender diskutieren zu können. Bezugnehmend auf Roelckes Vortrag thematisierte sie insbesondere die Rolle des Humanmodells in den medizinischen Experimenten. So wäre es genauer zu erörtern, ob und welche an Geschlecht und „Rasse“ der ProbandInnen orientierten Motive in die Versuchsanordnungen eingeflossen sind. Außerdem reflektierte Hahn die neue Wertung der Medizinverbrechen durch Roelcke hinsichtlich der Praxis der Humanversuche in den NS-Konzentrationslagern, etwa das Selbstverständnis der Opfer betreffend. Anhand weiterführender Überlegungen zu den Ausführungen Dekas formulierte sie Fragen zur retrospektiven Konstruktion von Opferrollen der Ravensbrückerinnen. So zum Beispiel, ob der Umstand, dass die „Kaninchen“ als erste Gruppe in Polen entschädigt wurden, eine politische Strategie war, in der sich Frauen besser als Männer dazu eigneten, um an ihnen das Image des wehrlosen und passiven Opfers zu verbildlichen.

 In den Nachmittagssitzungen diskutierten die Leiter der Workshops, Volker Roelcke, Aleksandra LOEWENAU (Oxford Brookes University), Paul Weindling/ Anna v. VILLIEZ (Oxford Brookes University) und Jakub Deka die in den Vorträgen aufgeworfenen Fragen gemeinsam mit den TeilnehmerInnen unter den folgenden Themen: „Die Sulfonamid-Experimente im KZ-Ravensbrück“ (Roelcke), „Photo Images of Human ‚Rabbits’ as Evidence of Crimes and Tortment at Ravensbrück“ (Loewenau), „Victims of Human Experiments and Coercive Research“ (Weindling/Anna von Villiez), „Entschädigungspolitik am Beispiel Polen“ (Deka).

 

 

2.9.2011

Am letzten Tag diskutierten im Podium Vertreter der KopperationspartnerInnen über Perspektiven in der weiteren Forschung zum Themenkomplex Geschlecht und Rasse in der NS-Medizin. Die Moderatorin Insa Eschebach eröffnete das Gespräch mit Reflexionen zu Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit, in der Analyse der NS-Medizin die Kategorien Rassen und Geschlecht zu integrieren bzw. diese differenzierten Betrachtungen von Mechanismen der Repression zugrunde zu legen. Rückblickend auf die Beiträge der ReferentInnen hielt Eschebach fest, dass die historische Erfassung der Subjekte der Verfolgung aufgrund einer binären Geschlechtszugehörigkeit sowie anderer Kriterien in den gehörten Vorträgen erfolgt war und erste Befunde vorgestellt wurden. Die Einbeziehung von Geschlecht als objektbezogener Kategorie habe sich hingegen als schwer fassbar erwiesen. Dahingehend würde es über die Erarbeitung statistischer Werte hinaus einer Berücksichtigung weiterführender Aspekte bedürfen, um auch Aussagen über die konkrete Wirkung von Geschlechternormen in wissenschaftlichen und praktischen medizinischen Handlungen während der NS-Zeit bereitstellen zu können. Dass zeit- und kulturspezifische Bilder von Weiblichkeit und Männlichkeit die Wahrnehmung von sowie den Umgang mit einzelnen Opfergruppen wesentlich strukturierten, zeige sich etwa im dominanten Bild der Mutterfigur, wie es in Leidensdarstellungen von verfolgten Frauen nach 1945 in der Erinnerungskultur installiert wurde. Geschlecht müsse in der historischen Forschung zur NS-Medizin als wirkmächtiges Konstrukt begriffen werden, das Erkenntnisweisen der Wissenschaften vom Menschen, politische Maßnahmen sowie gesellschaftliche Wahrnehmungsvorgänge prägte.

Carola SACHSE wies auf die Differenzierung der Kategorie Geschlecht in der Wissenschaft nach Londa Schiebinger[5] hin. Dabei handelt es sich um eine Unterscheidung sozialer, kulutreller und epistemischer Wirkungsweisen von Geschlecht in Theorie und Praxis. In den historischen Auseinandersetzungen mit verschiedenen Bereichen der NS-Medizin habe sich angedeutet, dass insbesondere die Bilder von Männlichkeiten und Weiblichkeiten im Erkenntnisgewinn der weiteren Klärung bedürfen. Nicht zuletzt seien dahingehend feststellbare Kontinuitäten in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmustern zu erörtern. Leitend müsse die Frage danach sein, vor welchen zeitlichen Hintergründen an Altem festgehalten wurde bezw. wann Veränderungen eintraten. Auf diesem Ansatz baute Sabine SCHLEIERMACHER auf und betonte die Notwendigkeit, Geschlecht als Wissenskategorie in den langen Linien des 20 Jahrhunderts zu berücksichtigen. Ebenso sei die Kategorie Rasse als eine prägende Komponente der NS-Vorstellungswelt auf ihre Berührungspunkte mit anderen Determinanten gesellschaftlicher Realitäten tiefgehender zu beleuchten. Besonderes Augenmerk richtete sie auf die Frage, wie sich Geschlechter- und Rassenbilder in die Nachkriegsgesellschaften einfügten und bis in die Gegenwart ihre Wirkung implizit oder explizit entfalten.

Die DiskutantInnen aus dem Publikum betonten in Reaktionen auf die zusammenfassenden Reflexionen, dass für einen auf die Differenzierung der Geschlechter erweiterten Blick auf die NS-Medizin neue methodische Ansätze zu präzisieren seien. Ein Austausch mit anderen Disziplinen scheint dafür unerlässlich, um nicht nur das bestehende Wissen über die Bedeutung der Kategorien Rasse und Geschlecht für die NS-Medizinalverbrechen zu verfeinern, sondern auch um Strukturen heutiger Entwicklungen im wissenschaftlichen Denken, gerade im großen Feld der Humangenetik und Medizinethik, kritisch hinterfragen zu können.

Zum Abschluss der 7. Europäischen Sommer-Universität Ravensbrück begaben sich die TeilnehmerInnen gemeinsam auf eine Exkursion in das Museum und die Gedenkstätte Sachsenhausen, wo seit 2004 in den erhalten gebliebenen Originalbaracken R I und R II die Ausstellung „Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936-1945“ als erste umfassende Dauerausstellung zu sehen ist. Die Kuratorin Astrid Ley und die Pädagogin Inga Hoolmanns führten und erläuterten.

 

Veranstalter: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Kooperationspartner: Stiftung Topographie des Terrors, Heinrich-Böll-Stiftung, Charité Berlin, Universität Wien, Oxford Brookes University, Uniwersytet Wrocławsk i. Finanziert durch: EACEA; Hans-Böckler-Stiftung; Stiftung Topographie des Terrros, Heinrich-Böll-Stiftung.


[1] Alfred Ploetz: Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Idealen, besonders zum Socialismus. Grundlinien einer Rassen-Hygiene, Berlin 1895

[2] Karl Binding/Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form, Berlin 1920.

[3] Gisela Bock: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik, Opladen 1986; Neudruck Münster 2010.

[4] Volker Roelcke: Die Sulfonamid-Experimente in nationalsozialistischen Konzentrationslagern: Eine kritische Neubewertung der epistemologischen und ethischen Dimension. In: Medizinhistorisches Journal 44, 2009, S. 42-60.

[5] Londa Schiebinger: Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die Wissenschaft? München 2000

 


Programm  Program

 

Sonntag, 28.08.2011
18:00 Uhr Auftaktveranstaltung in Berlin
Ort Location: Heinrich Böll Stiftung, Schumannstr. 8, 10117 Berlin

Begrüßung Welcome Adresses:
Andrew J. Noble (Stellvertretender Botschafter und Generalkonsul des Vereinigten Königreiches)

Bartłomiej Rosik (1. Botschaftssekretär der Botschaft der Republik Polen)

Dr. Klaus Famira (Stellvertreter des Botschafters der Österreichischen Botschaft)

Die Bedeutung der NS-Medizin für aktuelle medizinethische Debatten
The Significance of Nazi Medicine for Current Debates on Medical Ethics
Podiumsdiskussion Round Table Discussion
Anne Cottebrune (Universität Gießen)
Swantje Koebsell (Universität Bremen)
Paul J. Weindling (Oxford Brookes University)
Moderation Chair: Sabine Schleiermacher (Charité Berlin)

20:00 Uhr Empfang Reception

21:00 Uhr Bus-Transfer nach to Fürstenberg (Havel)
 


Montag, 29.08.2011
Bevölkerungspolitik/Eugenik als Geschlechter- und Rassenpolitik im 20. Jahrhundert

Policy/Eugenics as Gender and Racial Policies in the 20th Century
10:00 Uhr Grußwort Greeting
Sabine Kunst (Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg)

Einführung Introduction:
Insa Eschebach (Gedenkstätte Ravensbrück)

11:00 – 13:00 Uhr Plenum Plenary Session
Moderation Chair: Sabine Schleiermacher (Charité Berlin)
Vortrag Lecture: Regina Wecker (Universität Basel)
Die „Normalität” der Eugenik: Geschlechterpolitik als Rassenpolitik

The "Normality" of Eugenics: Gender Policies as Racial Policies
Kommentar Comment: Carola Sachse (Universität Wien)

14:30 – 17:30 Uhr Workshops
1) Maija Runcis (Soedertoerns Hoegskola)
Discussion about forced Sterilizations and Gender in Sweden and Scandinavia

2) Thomas Mayer (Universität Wien)
Eugenik in Österreich und der „Ostmark”

3) Elizabeth Harvey (University of Nottingham)
Biopolitics, gender and Germandom: homegrown trends and Nazi imports in south-eastern Europe 1930 - 1945

4) Kamila Uzarczyk (Uniwersytet Wrocław)
The Normality of Eugenics: Gender policies as Racial Policies.
Gender, Race, Jews in Poland 1939-1945

18:00 - 19:00 Uhr Podium Round Table

20:00 Uhr Buffet im Restaurant Yachthafen, Unter den Linden 2 (B 96 gegenüber dem Schloss)


Dienstag, 30.08.2011
Rassen- und geschlechterhistorische Aspekte der „Euthanasie“

The history of „euthansia“ and ist racial and gender dimensions

10:00 – 13:00 Uhr Plenum Plenary Session
Moderation Chair: Astrid Ley (Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde Brandenburg)

Vortrag 1 Lecture 1: Patricia Heberer (USHHM)
Giving a Face to Faceless Victims: Profiles of Female and Male Victims of Nazi ‘Euthanasia’

Den Opfern ein Gesicht geben: Profile von Frauen und Männern als Betroffene durch die „NS-Euthanasie”
Vortrag 2: Winfried Suess (ZZF Potsdam)
Akteure, Motive und Entscheidungswege in der nationalsozialistischen „Euthanasie”

Motivations and Decision Making in the Nazi "Euthanasia"
Kommentar Comment: Hans-Walter Schmuhl (Universität Bielefeld)

14:30 – 17:30 Uhr Workshops
1) Hans-Walter Schmuhl (Universität Bielefeld)
Euthanasie und Geschlecht
2) Patricia Heberer (USHMM)
Victims of Nazi "Euthanasia" - the Difference between Men und Woman
3) Winfried Süss (ZZF Potsdam)
Handlungsspielräume und Motivstrukturen in der NS-Euthanasie

18:00 - 19:00 Uhr Podium Round Table

19.00 Uhr Abendessen

20.00 Uhr Film
„Ich klage an”
Regie: Wolfgang Liebeneiner, 1941
Einführung Introduction: Christl Wickert (Gedenkstätte Ravensbrück)


Mittwoch, 31.08.2011
Die Gedenkstätte Ravensbrück

The Ravensbrück Memorial Site

9:00 - 11:00 Uhr Thematische Führungen Guided Theme Tours

Matthias Heyl: The Ravensbrück Concentration Camp

Angelika Meyer: Das KZ Ravensbrück

Sabine Arend: The Infirmary of Ravensbrück

Sabine Kritter: Das Krankenrevier in Ravensbrück

Andrea Genest: Die Gedenkstätte Ravensbrück

11:00 Uhr Gedenkveranstaltung Commemoration Ceremony

11:30 - 13:00 Uhr Vortrag  Lecture
Paul J. Weindling (Oxford Brookes University): Victims of Human Experiments and Coercive Research under National Socialism: Gender and Racial aspects
Forschungen zu den Opfern der Menschenversuche im Nationalsozialismus: Aspekte von Geschlecht und Rasse
Moderation Chair: Elizabeth Harvey (University of Nottingham)

14:30 - 17:00 Uhr Forschungsbörse Forum for New Research
Nachwuchswissenschaftler stellen ihre Forschungsprojekte vor
Junior Researchers present their projects


17:00 Uhr Podium mit allen TeilnehmerInnen Round Table with all Participants

18:00 Uhr Abendessen Supper

19:30 – 21:00 Uhr Zeitzeuginnengespräch Survivor Testimony

Yona Laks, Tel Aviv, Head of The Organization of Mengele Twins of Auschwitz in Israel, in discussion with  im Gespräch mit Carola Sachse und Paul Weindling

21:00 Uhr Kleiner Empfang

 

Forschungsbörse Forum for New Research

 

Gruppe 1 
Moderation Chair: Astrid Ley (Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde Brandenburg):
Medizin im Konzentrationslager

Ljiljana Heise (FU Berlin):
Geschlechter- und Medizindiskurse vor Gericht. Der vierte britische Ravensbrück-Prozess gegen das medizinische Personal des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück

Sari Siegel (University of Southern California, Los Angeles):
Dr. Gisella Perl and Out of the Ashes: Making an Auschwitz prisoner physician acceptable to an audience

Anna Musiol (Jagiellonen-Universität Krakau, Universität Erlangen-Nürnberg): 
Polinnen in Ravensbrück

Dagmar Lieske (FU Berlin): 
„Berufsverbrecher” als Opfer von Zwangssterilisationen und der Aktion 14f13

Gruppe 2
Moderation Chair: Thomas Schaarschmidt (ZZF Potsdam):
Frauen im medizinischen Bereich

Nils Hansson (Lund University): 
Foreign female guests in the Third Reich. International visitors at Nazi elite school in Alt Rehse 1935-1943

Anja Peters (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald):
Oertzen, Conti, Oberheuser – Traces around Ravensbrueck of female protagonists in the Nazi Health System

Josephine Ulbricht (Universität Leipzig):
Im Dienst der „Volksgemeinschaft”: Das weibliche DRK-Personal im Zweiten Weltkrieg zwischen nationalsozialistischer Propaganda und sozialer Realität.

Gruppe 3
Moderation Cair: Anne Cottebrune (Universität Gießen):
Kontinuitäten und internationale Vergleiche im 20. Jahrhundert

Herwig Czech (Universität Wien):
Gesundheit, Krankheit und Tod. Wien 1944-1948

Bonnie Pope (University Of North Florida):
Eugenics and health policy during the 1900s-1935 and the influence of eugenics on the Social Security Act of 1935 – Title V – Maternal and Child Services

Britta-Marie Schenk (Universität Hamburg):
Verhinderung von Behinderung in der Sterilisationsdebatte. Biopolitische und geschlechtsspezifische Argumentationen in der Bundesrepublik der 1980er Jahre


Donnerstag, 01.09.2011
Medizinische Experimente im Frauen-KZ Ravensbrueck und die Entschädigungspolitik

Medical Experiments at Ravensbrück and Compensation Policies

10:00 – 13:00 Uhr Plenum Plenary Session
Moderation Chair: Paul J. Weindling (Oxford Brookes University)

Vortrag 1 Lecture 1: Volker Roelcke (Universität Gießen)
Die Sulfonamid-Experimente im KZ Ravensbrück im Kontext der Kriegschirurgie

The Sulfonamide Experiments at Ravensbrück Concentration camp in the context of War Surgery

Vortrag 2 Lectrue 2: Jakub Deka (Fundacja Polsko - Niemieckie Pojednanie Warszawa)
Entschädigungsforderungen von polnischen Ravensbrückerinnen

Compensation Claims of Polish Survivors, in particular Women Survivors of Ravensbrück Concentration Camp

Kommentar Comment: Judith Hahn (Berlin)

14:00 – 17:00 Uhr Workshops
1) Volker Roelcke (Universität Gießen)
Die Sulfonamid-Experimente im KZ Ravensbrück

2) Aleksandra Loewenau (Oxford Brookes University)
Photo Images of Human ”Rabbits” as Evidence of Crimes and Tortment at Ravensbrück

3) Paul J. Weindling / Anna von Villiez (Oxford Brookes University)
Victims of Human Experiments and Coercive Research

4) Jakub Deka (Fundacja Polsko - Niemieckie Pojednanie Warszawa)

Das Gedächtnis von Ravensbrück in den entschädigungspolitischen Debatten in Polen

5) Brigitte Leyendecker (Berlin)
Experimente an Kindern im KZ Sachsenhausen im Kontext der Hepatitisforschung

17:00 - 17:45 Uhr Podium Round Table
anschl. Suppenbuffet

18:30 – 21:00 Uhr Exkursion Excursion
ehemalige former  „Heilanstalt Hohenlychen“ (Führung Guide: Judith Hahn)



Freitag, 02.09.2011
10:00 – 12:00 Uhr
Geschlecht und Rasse in der NS-Medizin

Gender and Race in Nazi Medicine
Moderation Chair: Insa Eschebach (Gedenkstaette Ravensbrück)

Podiumsdiskussion Round Table Discussion:
Carola Sachse (Universität Wien)
Sabine Schleiermacher (Charité Berlin)
Kamila Uzarczyk (Uniwersytet Wrocław)
Paul J. Weindling (Oxford Brookes University)

12:00 Uhr Mittagessen Supper

13:00 Uhr Bus-Transfer nach Oranienburg/Sachsenhausen

Exkursion
Excursion
Ausstellung „Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936-1945” Exposition „Medical Care and Crime in the Concentration Camp Sachsenhausen 1936-1945“


Führung Guide: Astrid Ley (Kuratorin)

16:00 Uhr Bus-Transfer zum Hauptbahnhof Berlin

16:00 Uhr Bus-Transfer zum Flughafen Tegel 

 


 

Konzeption der Sommer-Universitaet 2011 | Conception of the Summer School 2011:

Sabine Arend, Insa Eschebach, Judith Hahn, Johanna Kootz, Astrid Ley, Thomas Lutz, Carola Sachse, Thomas Schaarschmidt, Sabine Schleiermacher, Paul J. Weindling, Christl Wickert

 

Kooperationspartner | Partners

Heinrich-Böll-Stiftung, Stiftung Topographie des Terrors, Universität Wien, Oxford Brookes University, Uniwersytet Wrocławski, Charité Berlin

 

Finanziert durch | sponsered by: Die Bildung, Audiovisuelles und Kultur Exekutivagentur der Europäischen Kommission | The Education, Audiovisual and Culture Executive Agency (EACEA) of the European Commission; Hans-Böckler-Stiftung; Axel Springer Stiftung.

Wir danken der Stiftung EVZ für die Finanzierung der Reise der Familie Laks.

         

 


6. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2010


Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2010

»Bildersprachen. Künstlerische Produktion
in Lagern und Ghettos 1933–1945«

(29. August - 3. September 2010)

Künstlerische Praxen in nationalsozialistischen Lagern und Ghettos werden meist als Form der Resistenz gegen Terror und Anonymität gedeutet. Die Europäische Sommer-Universität Ravensbrück möchte das Thema erweitern und die künstlerischen Dokumente aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten: Neben der Beschreibung und Analyse der Bedingungen, unter denen künstlerische Produktionen in Lagern möglich waren, sollen auch die Darstellungen der Lager sowie die Rezeption der Werke in der Fachwissenschaft und in Ausstellungen diskutiert werden. Neu sind auch die Fragen nach den Geschlechterbildern, die den Arbeiten eingeschrieben sind. Die bildende Kunst steht im Zentrum: Zeichnungen, Bilder und kunsthandwerkliche Gegenstände, die heimlich oder im Auftrag angefertigt wurden. Diese Werke sollen mit ihren Bezügen zu anderen Kunstgattungen wie Literatur, Theater oder Musik diskutiert werden. Im Fokus der Sommer-Universität steht die Frage, welche Bedeutung der Kunst in der Wahrnehmung der nationalsozialistischen Verfolgung künftig zukommen soll. An den Vormittagen finden einführende Vorträge zu den Schwerpunktthemen statt. Diese werden am Nachmittag in Arbeitsgruppen vertieft, die parallel zueinander durchgeführt werden. Die Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Eine Simultanübersetzung der Vorträge wird angeboten.

Veranstalter: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück | Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung (Berlin) und der Stiftung Topographie des Terrors (Berlin)

Information und Anmeldung: sommer-uni@ravensbrueck.de 


 

European Summer School Ravensbrück 2010

Pictorial Languages. Artistic Production in Camps and Ghettos 1933 to 1945

August 29, - September 3, 2010

Arts and artistic practices from Nazi concentration camps are usually  interpreted as forms of resistance against the terror and anonymity. The Ravensbrück Summer School will approach the subject from a broader perspective and look at the artistic documents from different angles:  Apart from describing and analysing the conditions under which artistic production was possible in the camps, we want to discuss the differences in the depictions of the camps and the way in which these works were re­ceived by academics and used in exhibitions and educational work. Another new aspect of discussion are the gender images embedded in these works.

Our focus will be on fine arts: drawings, paintings and craft objects made secretly or on commission. These objects will be examined in relation to other art forms such as literature, drama or music. The Summer School discussions will try to answer the question of what role art shall play for the analysis of the National-Socialist persecution in future.

The introductory lectures in the mornings will focus on the main topics. In the afternoons we will broaden our perspective and study specific aspects of these topics in study groups which will take place simultaneously. The languages of the conference will be German and English. We will provide a simultaneous translation.


5. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2009


Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2009

Unter deutscher Besatzung:  Geschlechterpolitiken und Rassismus im Zweiten Weltkrieg –  Polen, Frankreich, Italien  (30. August - 4. September 2009 )

Im 70. Jahr nach Kriegsbeginn und dem Überfall auf Polen nimmt sich die fünfte Europäische Sommer-Universität Ravensbrück dem Thema der deutschen Besatzung in Europa an. Mit einem vergleichenden Blick auf Polen, Frankreich und Italien sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deutschen Eroberungspolitik sowie des Besatzungsalltags während des Zweiten Weltkrieges herausgearbeitet werden. In Vorträgen und Arbeitsgruppen wird untersucht, welche Formen die deutsche Besatzungspolitik annehmen konnte und wie die besetzten Gesellschaften darauf reagierten. Zentral ist einerseits die Frage nach den Funktionen und Effekten der rassistischen Ausgrenzungspolitik, andererseits die Bedeutung der Kategorie Geschlecht.

Die Einführungsvorträge am Vormittag sind der Erörterung des Phänomens der Besatzung unter militärhistorischen, sozialgeschichtlichen und geschlechtsbezogenen Perspektiven gewidmet: Worin lag die Spezifik der Ziele und Methoden nationalsozialistischer Besatzungspolitik in den drei ausgewählten Ländern? Welche Wahrnehmungen, Erwartungen, Vorurteile waren bei den Besatzern virulent? Welche Folgen hatte die deutsche Politik für die Frauen, Männer und Kinder in den okkupierten Staaten? Und welche, möglicherweise geschlechtsspezifischen Handlungs- und Überlebensstrategien wählten sie in unterschiedlichen Situationen? Die Analyse soll insbesondere auch die Ausbeutung der eroberten Bevölkerungen für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft in den Blick nehmen: Wie wurden die Maßnahmen zur Zwangsarbeit durchgesetzt? Wie sah die Deportationspraxis in unterschiedlichen Regionen aus? Und welche Rolle kam den Konzentrationslagern, insbesondere dem Frauen-KZ Ravensbrück, im Rahmen der Besatzungspolitik zu?

Die fünfte Sommer-Universität Ravensbrück betrachtete diese Fragen am Beispiel der Länder Polen,  Frankreich und Italien genauer . Jedem Land war jeweils ein ganzer Tag mit Panelveranstaltungen am Vormittag und Workshops am Nachmittag gewidmet. Dabei sollten die Workshops die Erkenntnisse der Panels anhand von vier Schwerpunkten vertiefen:

  1. Geschlechterverhältnisse im Besatzungsalltag

  2. Rassistische Konzepte und ihre Durchsetzung/Ausgrenzung und Kollaboration

  3. Geschlechtsspezifische Deportationspraxen 

  4. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in der Erinnerungskultur und gegenwärtige Erinnerungspolitik

Durch die Fokussierung auf ein Land pro Tag möchte die Sommer-Universität Ravensbrück gewährleisten, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit haben, sich gleichermaßen mit allen Ländern zu beschäftigen und in den Plenumsdiskussionen und Arbeitsgruppen die inhaltlichen und methodischen Voraussetzungen für eine vergleichende Betrachtung erarbeiten können. Inhaltlich werden die Themen der Sommer-Universität Ravensbrück immer wieder an den historischen Ort Ravensbrück zurückgebunden.

Seit 2005 führt die Gedenkstätte Ravensbrück eine Sommer-Universität mit jährlich wechselnden Schwerpunktthemen durch. Als ein interdisziplinäres Forum ist sie generationenübergreifend orientiert. Sie möchte den wissenschaftlichen Nachwuchs der Hochschulen ebenso ansprechen wie auch alle diejenigen, die die sich mit der Erforschung und/oder Vermittlung der historischen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs befassen. Der programmatische Rahmen dieser Veranstaltungsreihe besteht aus drei Eckpunkten: Nationalsozialismus, Frauen- und Geschlechtergeschichte und Europa. Um möglichst vielen Studierenden, gerade auch aus dem Ausland, die Teilnahme zu ermöglichen, bemüht sich die Sommer-Universität Ravensbrück, Stipendien einzuwerben.  

Die Sommer-Universität steht unter der Schirmherrschaft der Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Prof. Dr. Johanna Wanka, und wird in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Stiftung Topographie des Terrors veranstaltet.  

Sie können sich bereits zu diesem Zeitpunkt online anmelden oder den Anmeldebogen als PDF-Datei herunterladen.

 

 


4. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2008


Europäische Sommer-UniversitätEuropäische Sommer-Universität Ravensbrück 2008
»Die Erinnerung an die Shoah an Orten ehemaliger Konzentrationslager 
in West- und Osteuropa.
Geschichte, Repräsentation und Geschlecht«
 
(15. bis 19. September 2008)

Frank van Vree Gruppenführung durch Angi Meyer
Frank van Vree | (Foto: Strauss) Gruppenführung durch Angi Meyer | (Foto: Strauss)

Die Europäische Sommer-Universität Ravensbrück des Jahres 2008 näherte sich dem Thema der Erinnerungen an die Shoah aus einer Vielzahl von Perspektiven.

Einerseits standen nationale Entwicklungen der Memorialkultur in den west- und osteuropäischen Staaten seit 1945 zur Debatte, andererseits ging es aber auch um die Frage transnationaler Deutungsmuster wie Heroisierungen und Viktimisierungen in den Darstellungen des Holocaust.

Nach der Begrüßung durch den Staatssekretär im Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Dr. Johann Komusiewicz, die Leiterin der Gedenkstätte Dr. Insa Eschebach und die beiden Mitveranstalter Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors) und Dr. Marianne Zepp (Heinrich-Böll-Stiftung) führte der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Frank van Vree (Universität Amsterdam) in das Thema der diesjährigen Sommer-Universität ein. Im Mittelpunkt seines Vortrags über die Auschwitz-Erinnerung in der europäischen Geschichtskultur stand die Frage nach den verschiedenen Etappen in der Repräsentation der Shoah vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart. Für die Erinnerung in den Vierzigerjahren konstatierte er eine Kontinuität nationaler Traditionen, im Falle Polens eine Heroisierung, im Falle der Niederlande eine Einbettung der Holocaust-Erinnerung in das nationale Opfer-Narrativ. Erste Gegenstimmen gegen die nationalen Meistererzählungen stellte van Vree bereits für die Mitte der Fünfzigerjahre in Ost- und Westeuropa fest. Eine grundlegende Abkehr von den heroisierenden Narrativen und eine Thematisierung der Sinnlosigkeit des Opfers setzte aber erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit dem Eichmann-Prozess, den Veröffentlichungen Raul Hilbergs und der Darstellung der Shoah in Film und Fernsehen ein. Auch für diese Phase verwies van Vree auf zeitlich parallele Entwicklungen in West- und Osteuropa.

Cilly Kugelmann (Jüdisches Museum Berlin) sprach anschließend über die Geschichte der Erinnerung an die Shoah in Israel und den USA. Für Israel hob sie hervor, dass die Debatte um den Holocaust, den Umgang mit den Opfern und die Identifikation mit der Shoah als Gründungsmythos des Landes die Lager spalte. Für die USA verwies sie auf die Konflikte zwischen den verschiedenen Generationen jüdischer Einwanderer. Erst in den Achtzigerjahren kam es in den USA zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit der Shoah und ihren jüdischen Opfern in Museen und Ausstellungen. Das korrespondiert mit der Entwicklung des Gedenkens in Israel, wo die Massenvernichtung erst vergleichsweise spät ein Thema des Schulunterrichts wurde. Kugelmann bedauerte, dass die Shoah im Unterricht noch immer ohne Zeitzeugen gelehrt wird, und kritisierte, dass neuere Ausstellungen keinerlei Vorstellungsästhetik aufwiesen und zu abstrakt mit dem Thema umgingen. Ihre Frage zum Schluss, was mit dem Gedenken passiere, wenn schon alles gesagt sei, ließ sie offen.

PD Dr. Susanne Lanwerd (Collegium Helveticum, Basel) gab einen Überblick über die Historiographie der Shoah in der Frauen- und Geschlechterforschung seit den späten Siebzigerjahren. Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Interesses war die Hinwendung zu den weiblichen Überlebenden des Holocaust. In der Folge traten aber auch Fragen nach den Täterinnen, nach geschlechtsspezifischen Überlebensstrategien, nach der „Heimatfront“ und der Bedeutung der Geschlechterordnung für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft im Krieg hinzu. Abschließend ging Lanwerd auf das Verhältnis von Gedächtnis und Geschlecht ein. Dabei verwies sie zum einen auf die große Nachhaltigkeit von Bildhaushalten, zum anderen auf die Tendenz zu einer Feminisierung in der Beschreibung der Gesellschaft im Nationalsozialismus als Strategie zur kollektiven Entlastung der Deutschen.

Der zweite Tag stand unter dem Thema „Orte und Repräsentationen“ und begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Mechtild Gilzmer (TU Berlin) über Die Erinnerung an die Shoah in Frankreich, der die verschiedenen Etappen des Gedenkens seit 1944 beschrieb. Bis in die Sechzigerjahre dominierte der heroische Résistance-Mythos, in dem vorrangig die aus politischen Gründen Deportierten repräsentiert waren. Die jüdische Erinnerung passte sich diesem Narrativ weitgehend an, um nicht durch ein separates Gedenken an die Opfer der Shoah die von den Nationalsozialisten aus rassistischen Gründen erzwungene Ausgrenzung aus dem nationalen Kollektiv zu wiederholen. Im Kampf um die Deutungshoheit verstärkte de Gaulle das nationale, heroische Narrativ noch einmal in den Sechzigerjahren, indem er die Erinnerung an die Deportationen mit militärischen Repräsentationen überschrieb. Unter dem Einfluss von Massenmedien und zivilgesellschaftlichen Initiativen setzte in den Siebzigerjahren eine Hinwendung zu den jüdischen Opfern und zur Verstrickung der französischen Gesellschaft in die Kollaboration ein, die an Gedenkorten wie dem Denkmal am Vel d’Hiv und anderen Deportationslagern Ausdruck fand. Diese Neuorientierung führte dazu, dass heute auch ältere Denkmale wie das Denkmal für die Deportierten auf der Ile de la Cité als Gedenkort für die Opfer der Shoah wahrgenommen werden.

Den zweiten Teil des Vormittags bestritt die Soziologin Dr. Éva Kovács (Ungarische Akademie der Wissenschaften) mit einem Vortrag zum Thema der Shoah im sozialen Gedächtnis Ungarns. Anhand einer Unterteilung in drei Phasen 1945-1948, 1948-1990 und 1990 bis 2002 zeigte sie Entwicklungen in der ungarischen Erinnerungskultur auf, wobei der Fokus auf der Diskrepanz zwischen der ungarisch jüdischen und nicht-jüdischen Erinnerung lag. Während die erste Phase den Bruch in den Identitäten und der Erinnerungen markiert, der von kontroversen Auseinandersetzungen mit der Judenverfolgung, starken antisemitischen Manifestationen sowie Pogromen begleitet gewesen ist, kam es in der zweiten Phase zu einer Tabuisierung des Holocaust, die durch die Mythenbildung in den Sechzigerjahren abgelöst wurde. Kovács hob hervor, dass die Geschichtspolitik ein Bild von Ungarn als Opfer des Nationalsozialismus entwarf, in dem die Verfolgung und Ermordung der ungarischen Juden nur als ein Teil der Leiden des ungarischen Volkes wahrgenommen wird. Mit dem Systemwechsel zu Beginn der Neunzigerjahre setzte eine neue Flut von Erinnerungen ein, die neben den Opfern des Stalinismus auch die Opfer der Shoah sichtbar machte und gleichzeitig die Emanzipation der Juden in Ungarn förderte. Dennoch wurde bis heute das Gedächtnis der Shoah kaum in das kollektive Gedächtnis der ungarischen Nation übernommen, wofür die Soziologin die Dichotomie der Holocaust-Erinnerung und der Kommunismus-Erinnerung sowie die kaum thematisierte Täterrolle Ungarns als Gründe anführte.

Arbeit in Arbeitsgruppen Arbeit in Arbeitsgruppen

Arbeit in Arbeitsgruppen | (Fotos: Strauss)

Am Nachmittag wurde das Thema in Arbeitsgruppen vertieft. Eine von Christian Ganzer geleitete Runde diskutierte anhand von Fotografien Opfer- und Heldendarstellungen in Museen und Gedenkstätten in Belarus. In seinem Einführungsvortrag machte Ganzer deutlich, dass zwei Hauptnarrative für Belarus kennzeichnend sind: die Heroisierung des Mythos von der „Brester Festung“ und der „Große Vaterländische Krieg“. Mit dem Erhalt der eigenen Nationalstaatlichkeit musste im Zuge der Identitätsbildung der Staat mit Geschichte gefüllt werden, wobei man auf die sowjetischen Mythen und den Verweis auf Belarus als Partisanenrepublik zurückgriff. Das Gedenken an Helden und Opfer wird dominiert von der Sinnstiftung einer „patriotischen Erziehung“ der Bevölkerung. Die Shoah wurde lange Zeit als Ermordung „friedlicher Sowjetbürger“ gehandelt, was auch in der Auseinandersetzung mit den Darstellungen auf den Fotos deutlich wurde. So konnte festgestellt werden, dass die Errichtung von Denkmälern für die Opfer der Shoah vorwiegend in den Neunzigerjahren einsetzt, wobei sie sich in ihrer geringen Monumentalität und Qualität wesentlich von den Heldendenkmälern unterscheiden. In den Museen kommt dem „Großen Vaterländischen Krieg“ noch immer der zentrale Platz in der Erinnerungskultur in Belarus zu.

Eine von Dr. Insa Eschebach geleitete Arbeitsgruppe Vergangenheitspolitik und Erinnerungsgeschichte thematisierte die Darstellung der Frauen und insbesondere der Mütter in der Denkmalslandschaft. In ihrem einführenden Referat verglich Insa Eschebach das Mahnmal „Tragende“ (Will Lammert) in Ravensbrück mit der Figurengruppe von Fritz Cremer im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Die „Tragende“ stehe dank ihrer karitativen Haltung im Gegensatz zu Darstellungen heroischer Männlichkeit, die häufig Widerstand und Auflehnung auszudrücken scheinen. Bis in die Achtzigerjahre gab es kein Gedenken an die jüdischen Opfer in Ravensbrück, wo vorrangig die antifaschistischen Widerstandskämpferinnen als „Gründungsmütter der sozialistischen Nation“ geehrt wurden. Die Erinnerung an die Shoah setzte erst ab Mitte der Achtzigerjahre im Zuge einer Pluralisierung des Gedenkens in der DDR ein. Heute werde Ravensbrück durchaus als Ort der Judenverfolgung wahrgenommen. Susanne zur Nieden und Silvija Kavcic stellten die Ergebnisse ihrer Studie zum jüdischen Gedenken seit den Siebzigerjahren in den KZ-Gedenkstätten der DDR dar. Ausgangspunkt der Betrachtungen war die These, dass die Erinnerung an die jüdischen Verfolgten seit dem Verbot der VVN 1949 behindert wurde. Mit der Erosion des antifaschistischen Narrativs in den Achtzigerjahren konnten sich neue Ansätze eines jüdischen Gedenkens entfalten.

Die Vorträge und Arbeitsgruppen des dritten Tages widmeten sich dem Thema Orte und Autorisierungen. In ihrem einführenden Vortrag sprach Prof. Dr. Sara Horowitz (York University, Toronto) unter dem Titel Belated Holocaust Memoirs and the Ambiguities of Mothers über die Beziehungen von Müttern und Töchtern, welche die Shoah überlebt haben. Dabei unterschied Sara Horowitz drei Varianten: Zum einen den Wunsch der Tochter, hinter die verborgene Geschichte der Mutter zu kommen, wenn sie selbst erst nach dem Krieg geboren wurde, zum zweiten die Idealisierung und Mystifizierung der Beziehung, wenn die Mutter den Krieg nicht überlebt habe, und drittens die Möglichkeit, sich mit größerem zeitlichen Abstand nuancierter und freier über die gemeinsamen Erlebnisse der Shoah auseinander setzen zu können, wenn beide den Krieg überlebt hatten. Erst in den letzten Jahren, nachdem die Generation der Mütter gestorben war, brachen die meisten Töchter ihr Schweigen. Sara Horowitz’ Vortrag entmystifizierte die bestehende Heroisierung der Tochter-Mutter-Beziehungen in der Erinnerung an die Shoah und zeigte auf, dass Leiden nicht edel macht, sondern positive wie negative Züge bloßlegen kann.

Unter dem Titel Femina Sacra. Gender, Grief and Political Violence befasste sich der Vortrag der Soziologin Dr. Ronit Lentin (University of Dublin) mit weiblichen Formen der Erinnerung an den Holocaust am Beispiel Transnistriens. Ausgangspunkt war Giorgio Agambens Konzept des „homo sacer“ als dem der souveränen Macht des Staates ausgelieferten Menschen. Für die in der Zwangssituation des Lagers als minderwertig deklassierten Frauen hatte dieser Status nicht nur Konsequenzen für ihre Verfolgung, sondern auch für die Erinnerung an ihr Leiden. Obwohl der Tod der nach Transnistrien deportierten rumänischen Juden von den Überlebenden als schlimmer wahrgenommen wurde als der Massenmord in Auschwitz, hielten die Tabuisierung der Ereignisse in Rumänien und die eigene Scham über die erlebte Verletzlichkeit und Hilflosigkeit sie lange Zeit davon ab, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Da sich die Erinnerungen von weiblichen Überlebenden in der Regel weniger als männliche Erinnerungen in lineare Narrative und Erinnerungsstereotype einpassen, stellen sie diese als „Gegenerzählungen“ in Frage.

In der Arbeitsgruppe der österreichischen Ethnologin und Soziologin Dr. Helga Amesberger (Institut für Konfliktforschung, Wien) Zur Geschichte und Zukunft der Lagergemeinschaften. Die österreichischen Lagergemeinschaften Ravensbrück und Mauthausen als Beispiele wurde die Frage nach der Zukunft von Lagergemeinschaften diskutiert. Anhand der beiden österreichischen Lagergemeinschaften wurde zunächst auf ihre Entstehung und Geschichte eingegangen sowie auf ihre Fortführung ohne die ehemals Verfolgten. Bereits in der Diskussion zeigten sich verschiedene Ansichten darüber, ob sogenannte „FreundInnen“ die Legitimation besitzen, die Lagergemeinschaften fortzusetzen und diese innerhalb von Gremien zu vertreten, oder ob dies ausschließlich den Überlebenden bzw. ihren Nachkommen vorbehalten sein sollte. Im Fall der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück entschieden sich die ehemaligen Verfolgten dafür, FreundInnen in die Lagergemeinschaft aufzunehmen. Mit einer Präambel in den Statuten der Lagergemeinschaft wird den NachfolgerInnen, die als politische Vertretung der Überlebenden agieren sollen, eine Richtung für ihr zukünftiges Handeln vorgegeben. 

Arbeit in Arbeitsgruppen

Arbeit in Arbeitsgruppen | (Fotos: Strauss)

Mit dem Thema Italienische Lagergemeinschaften. Gedenken, Opferkonkurrenzen und Geschlecht befasste sich eine dritte Arbeitsgruppe unter Leitung Paola Bertilottis (Sciences-Po, Paris). Nach 1945 unterstützten die noch faschistisch geprägten staatlichen Instanzen in Italien weder die Repatriierung der Deportierten, noch akzeptierten sie ihre Zuständigkeit hinsichtlich der gesundheitlichen, psychischen und materiellen Notlagen der KZ-Überlebenden. Die Selbstorganisation bildete die einzige Möglichkeit der ehemaligen KZ-Häftlinge, ihre Anliegen gegenüber dem Staat und anderen Interessengruppen zu vertreten. Die unmittelbar nach Kriegsende gegründeten Organisationen sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, ihren Mitgliedern bei der Reintegration in ein ‚normales’ Leben zu helfen und zugleich die Verantwortung für die Dokumentation der Deportationen, für die Bewahrung der Erinnerung und die Würdigung der Toten zu übernehmen. Anhand verschiedener Texte konnte herausgearbeitet werden, dass die Überlebenden als italienische Bürger und als Opfer antisemitischer Rassenpolitik Anerkennung und Gleichstellung beanspruchten. Nur vor dem Hintergrund der Prioritätensetzung für eine ‚nationale Versöhnung’ und der vergangenheitspolitischen Intentionen der Parteienpolitik unter den Bedingungen des Kalten Krieges wurde nachvollziehbar, dass – ungeachtet der bereits in den ersten Nachkriegsjahren veröffentlichten Erinnerungsberichte und Dokumentationen – erst 20 Jahre nach Kriegsende eine Tradition nationalen Gedenkens begründet wurde, an der auch die Organisationen der Ex-Deportierten beteiligt waren.

Rochelle Saidel

Rochelle Saidel | (Foto: Strauss)

Der Tag schloss mit einer von Dr. Insa Eschebach und Dr. Andrea Genest (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geleiteten Podiumsdiskussion, in der Prof. Dr. Mechtild Gilzmer (Technische Universität, Berlin), Sarah Helm (London), Dr. Rochelle G. Saidel (Remember the Women Institute, New York) und Dr. Susanne Y. Urban (Yad Vashem, Jerusalem) über Das Ravensbrück-Gedächtnis in den USA, Frankreich, Israel und Großbritannien diskutierten.  Dabei wurden Unterschiede festgestellt, deren Ursachen vor allem in den verschiedenen historischen und politischen Ausgangssituationen der einzelnen Länder zu suchen sind. Während Ravensbrück in Großbritannien allenfalls durch den Hamburger Ravensbrück-Prozess von 1946/47 und in Ravensbrück internierte britische Agentinnen bekannt ist, spielten die französischen Ravensbrückerinnen schon unmittelbar nach Kriegsende eine große politische Rolle.

In den USA und Israel wuchs das öffentliche Interesse an der Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück hingegen erst in den letzten zehn Jahren, obgleich in beiden Ländern zahlreiche Frauen und Männer lebten und leben, die in Ravensbrück inhaftiert waren.

Der vierte Tag der Sommer-Universität galt dem Thema „Transformationen memorialer Praxis“. Er wurde von Dr. Jean Michel Chaumont (Université catholique de Louvain) mit einem Referat über The Aporetic Challenge to Heroize „passive“ Victims: Aimé Césaire and Elie Wiesel or Why was the Claim to Uniqueness a Need of Moral Reconstruction eingeleitet. Chaumont stellte dabei die Kolonialkritik Aimé Césaires den Positionen Elie Wiesels gegenüber. Césaire hatte die Shoah als Deutungsmuster für die Sklaverei genutzt und die europäischen Kolonien in Amerika und Afrika als ein „allumfassendes Konzentrationslager“ beschrieben. Er behauptete, dass die Schwarzen nur durch die Vorstellung der Freiheit und die Güte untereinander überlebt hätten. Wiesel habe die Begriffe Scham und Stolz in die Diskussion eingebracht. Im Gegensatz zu Césaire betonte er, dass der Holocaust mit keinem anderen geschichtlichen Ereignis vergleichbar sei. Juden sollten seiner Meinung nach stolz sein auf den Holocaust als „greatest event“.

In ihrem Vortrag Zwischen Heroisierung und Viktimisierung. Anmerkungen zur visuellen Erinnerungskultur diskutierte die Berliner Kunsthistorikerin Dr. Katrin Hoffmann-Curtius am Beispiel verschiedener bildlicher Darstellungen Fragen nach der Repräsentation des Jüdischen und dem möglichen Einfluss antisemitischer Stereotypen, nach dem Verhältnis von Geschlecht und einer Hierarchisierung der Opfer in den Kunstwerken, nach dem, was nicht in Bilder gefasst wird, und nach möglichen Kontinuitäten der Bildsprache nach 1945. Dabei kontrastierte sie naturalistische Darstellungen und heroisierende Repräsentationen wie Nathan Rapoports Warschauer Ghetto-Denkmal von 1948 mit der Abstraktion in den Werken Picassos und Fautriers. Während die Heldin auf Rapoports Denkmal wie eine Amazone dargestellt sei, verweisen Fautriers Bilder gerade auf die Zerstörung des weiblichen Körpers. Andere Denkmäler der Nachkriegszeit zeigen Frauen vor allem als „Trauernde“ oder „Tröstende“. In der Diskussion wurde die Frage nach Traditionen der Repräsentationsformen nach 1945 aufgegriffen und dabei der nachhaltige Einfluss Arno Brekers auf die Denkmale der Résistance in Frankreich angesprochen.

Nachfragen und Anmerkungen im Plenum Nachfragen und Anmerkungen im Plenum
Nachfragen und Anmerkungen im Plenum | (Fotos: Strauss) 

Eine Arbeitsgruppe befasste sich unter Leitung des Krakauer Soziologen Prof. Dr. Marek Kucia (Jagiellonen-Universität) mit den Repräsentationen von Auschwitz in Polen von 1945 bis zur Gegenwart. Im Mittelpunkt stand die Repräsentation der Shoah in Literatur und Film und in der Gedenkstätte Auschwitz. Galt „Auschwitz“ bis Ende der Sechzigerjahre als Symbol der Einheit der polnischen Nation und danach als Mahnmal des Friedens in der Blockkonfrontation des Kalten Krieges, so wird Auschwitz in der heutigen Ausstellung als zentraler Ort des Judenmords thematisiert. Mit Rücksicht auf die vor 1989 kanonisierte Opferzahl von 4 Millionen wurde in der Neugestaltung darauf verzichtet, die unserem heutigen Kenntnisstand entsprechende Zahl der 1,35 Millionen nach Auschwitz Deportierten explizit zu nennen. Neben den Filmen der Achtziger- und Neunzigerjahre wie „Kornblumenblau“, „Shoah“ und „Schindlers Liste“ sind es vor allem frühe literarische Verarbeitungen der Holocaust-Erfahrung wie die von Tadeusz Borowski und Zofia Nakowska, die bis heute die polnische Erinnerung an Auschwitz bestimmen.

Die Sitzung der Arbeitsgruppe Darstellung von Häftlingen in modernen Gedenkstätten – Ausstellungen in Deutschland begann mit einem Referat von Thomas Lutz (Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors) über die Gedenkstättenlandschaft, ihre Kosten und das neue Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung. Dieses strebe eine engere Zusammenarbeit und eine weitere Professionalisierung der 19 wichtigsten NS-Gedenkstätten an, berge aber andererseits die Gefahr einer stärkeren politischen Einflussnahme. Lutz nannte die Neunzigerjahre „das Jahrzehnt der Gedenkstätten“ und sprach von einem positiven Trend. Dennoch sei es weiterhin notwendig, an gemeinsamen Zielstellungen zu arbeiten. Ein kritisches selbstbestimmtes Bild, die Darstellung aller Opfergruppen und die Probleme oftmals moralisierender Ausstellungsansätze waren Themen der Diskussion. Abschließend setzte sich Lutz mit der Bedeutung von Bildern, Dokumenten und Artefakten in den neueren Ausstellungskonzeptionen und den Gründen für eine stärkere Individualisierung und Abstraktion in der Präsentation auseinander.

TeilnehmerInnen der Sommer-Universität 2008
TeilnehmerInnen der Sommer-Universität 2008 (Foto: Pawelke)

Die 4. Europäischen Sommer-Universität Ravensbrück schloss im Jüdischen Museum Berlin mit einer von Dr. Marianne Zepp geleiteten Podiumsdiskussion, in der Cilly Kugelmann, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Micha Brumlik (Universität Frankfurt/Main), der Bundestagsabgeordnete der Grünen Jerzy Montag und der Berliner Psychoanalytiker Yigal Blumenberg über das Thema Trauma, Erinnerung und öffentliche Gedenkpolitik. Über die Zukunft des Erinnerns debattierten.

(Bericht: Michael Herrmann, Johanna Kootz, Thomas Schaarschmidt, Josephine Ulbricht)