7. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2011
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Europäische Sommer-Universität
Ravensbrück
»Geschlecht und Rasse in der
NS-Medizin«
Tagungsbericht von Katja Geiger (Wien) und Adalbert Wagner (Wien)
Vom 28. August bis 2. September 2011 fand in der
Gedenkstätte Ravensbrück die 7. Europäische Sommer-Universität statt. Unter
dem Titel»Geschlecht und Rasse in der NS-Medizin« fanden sich rund 120
TeilnehmerInnen aus Universitäten – ForscherInnen, DozentInnen und
StudentInnen -, aus der Erwachsenenbildung, aus Schulen und Gedenkstätten,
befanden sich 45 StipendiatInnen aus Großbritannien, Polen und Österreich
sowie Frauen und Männer aus Frankreich, Schweden, Italien, der Schweiz und
den USA. An dem seit 1959 gewachsenen Erinnerungsort Ravensbrück
beschäftigten sie sich mit neueren Zugängen und Forschungsergebnissen des
Themenkomplexes Medizin bzw. Biowissenschaften und Politik in ihren
Wechselwirkungen mit den Kategorien »Rasse« und »Geschlecht«. Als neuer Konsens hat sich in der Medizin- und
Wissenschaftsgeschichte die Überzeugung herausgebildet, dass sich NS-Medizin
und „Normalmedizin“ nicht säuberlich voneinander abgrenzen lassen. Die
personellen, institutionellen und epistemologischen Übergänge waren vielmehr
fließend. Gleichwohl stellten die politischen Systembrüche von 1933 und 1945
sowie die politischen Markierungspunkte innerhalb dieser Zeitspanne – wie
forcierte Aufrüstung seit 1936, Kriegsbeginn 1939, Kriegswende 1942/43 –
auch biopolitische Weichenstellungen dar. Dank dieser neueren Forschungen
ist es heute möglich, dass Verhältnis von Politik und Medizin bzw.
Biowissenschaft im Nationalsozialismus und seine historischen Dynamiken sehr
viel genauer zu beschreiben. Weitgehend versäumt wurde in diesen jüngeren
Forschungen jedoch, die Kategorie »Geschlecht« systematisch in die Analyse
einzubeziehen.
Zum Auftakt versammelten sich am 28. August 2011 in der Heinrich
Böll-Stiftung in Berlin sogar 160 TeilnehmerInnen. Neben den Grußworten der
VeranstalterInnen, dem Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft,
Forschung und Kultur des Landes Brandenburg sowie der Botschaftsvertreter
des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland, der Republik
Polen und der Republik Österreich erfolgte der thematische Einstieg über
eine Podiumsdiskussion zur Bedeutung der NS-Medizin für aktuelle
medizinische Debatten. Unter der Moderation von Sabine SCHLEIERMACHER
(Charité Berlin) diskutierten Anne COTTEBRUNE (Universität Gießen), Swantje
KOEBSELL (Universität Bremen) und Paul WEINDLING (Oxford Brooks University)
das Verhältnis innerwissenschaftlicher Entwicklung und ärztlicher Ethik,
Grenzen ärztlichen und medizinischen Handelns, die Ausgrenzung
gesellschaftlicher Gruppen von Diagnostik und Therapie sowie die Forschung
mit und an menschlichem Erbgut.
Welche historischen Dynamiken führten dazu, dass ein hinsichtlich seines
Sozial- und Versicherungssystems als fortschrittlich zu betrachtendes Land
wie Deutschland Praktiken der Vernichtung einer Unzahl als „minderwertig“
klassifizierter Menschen installierte? Welche Mechanismen der
Selbstmobilisierung der ÄrztInnenschaft standen der in älteren historischen
Forschungsarbeiten angenommenen Indienstnahme der Gesundheitsberufe durch
die Politik entgegen? Wo und in welchem Ausmaß müssen geschlechts- und
sozialspezifische Determinanten in die Analyse der historischen und
aktuellen Dynamiken von Diskriminierung in Biowissenschaften mit einfließen?
Im Podium bestand Einigkeit darüber, dass mittels historischer Analysen ein
breiteres Verständnis über die multiplen Zusammenhänge und Bezugseben von
Geschlecht und Rasse sowie Nationalsozialismus
und Medizin anzustreben sei.
Im nachfolgenden Publikumsgespräch wurde die Aktualität gerade hinsichtlich
des heutigen Gesundheitssystems angesprochen, das zunehmend mit dem Dilemma
konfrontiert ist, zwischen ökonomischen Notwendigkeiten in der medizinischen
Versorgung und individualrechtlichen Ansprüchen der PatientInnen wählen zu
müssen. Ob sich nun innerhalb dieser Entwicklung nicht eugenische
Argumentationsmuster einschleichen, die bereits maßgeblich zur restriktiven
Umsetzung des Kosten-Nutzen-Kalküls der NS-Medizin geführt hatten, wurde den
TeilnehmerInnen als tagespolitische Problemstellung mit auf die Fahrt zur
Gedenkstätte Ravensbrück gegeben.
29.8.2011
Der erste Tag der Sommer-Universität war dem Themenkomplex „Bevölkerung und
Eugenik als Geschlechter- und Rassenpolitik im 20. Jahrhundert“ gewidmet. In
ihrer Einführung verwies Insa ESCHEBACH (Gedenkstätte Ravensbrück) darauf,
dass eugenische Ideen bereits im 19. Jahrhundert, so zum Beispiel bei
Friedrich Nietzsche, auftauchten. In der nationalsozialistischen
Gesetzgebung fungierten sie als konstitutives Element, das repressive
Maßnahmen wie die Zwangssterilisation rechtfertigte und darüber hinaus
Menschenversuche in den Konzentrationslagern rechtfertigte. Mit Blick auf
geschlechtsspezifischen Unterschiede der Verfolgung warf Eschebach die Frage
nach unterschiedlichen Mortalitätsraten von Männern und Frauen sowie nach
dem Einwirken von Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit in
rassenhygienisch motivierten Praktiken in der NS-Medizin auf.
Carola SACHSE (Wien) betonte in ihrem Kommentar die im vom Nationalsozialismus unabhängigen Charakteristika der Denkrichtung, wie sie international anzutreffen waren. Neben der Unterscheidung in „positive“ und „negative“ Eugenik sei vor allem die Kostenkalkulation im Sinne einer „Bewirtschaftung“ der Bevölkerung als eine bis in den Merkantilismus zurückreichende Tradition sowie die Ausübung von direktem und indirektem Zwang im Zusammenhang mit Sterilisationen sowie der Trend zur Biologisierung des Sozialen zu nennen. Als Folgen der besonderen politischen Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur hingegen nannte Sachse die Schaffung von gesetzlichen Grundlagen für die Zwangssterilisation, die mit der Errichtung einer eigenen Gerichtsbarkeit, der Erbgesundheitsgerichte, dem Zugriff auf bestehende Institutionen und der Mobilisierung aller Instanzen so strikt und umfassend verfolgt wurde, dass NS-Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern die weitaus höchste Zahl an Betroffenen aufwies. Hinsichtlich der Funktion der Kategorie „Rasse“ in der Rassenhygiene gab Sachse die Differenzierung von Alfred Ploetz in eine den „Volkskörper“ umschreibende „Vitalrasse“ und in „Systemrassen“, die Juden und andere ethnische Gruppen als „Rasse“ fassten, zu bedenken. Denn die Vorstellungen von prinzipiell „minderwertigen“ und „höherwertigen Rassen“ und von einem qualitativ aufzuwertenden „Volksganzen“ bildeten zwei Stränge der Verfolgung, die sich im nationalsozialistischen System konzeptionell beeinflussten sowie radikalisierten und sich im Hinblick auf die Ausübung von Gewalt gegenseitig radikalisierten.
Der Nachmittag bot die Möglichkeit, in vier Workshops einzelnen Aspekten der
Eugenik an ausgewählten Quellen nachzugehen.
Maija RUNCIS (Soedertoerns Hoegskola), „Discussion about forced
Sterilisations and Gender in Sweden and Scandinavia“, Thomas MAYER (Wien),
„Eugenik in Österreich“, Elizabeth HARVEY (University of Nottingham),
„Biopolitics, Gender and Germandom: Homegrown Trends and Nazi Imports in
South-eastern Europe 1930-1945“, Kamila UZARCZYK (Uniwersytet Wroclawski),
„The Normality of Eugenics: Gender Policies as Racial Policies.
Gender, Race, Jews in Poland 1939-1945”. Die Ergebnisse aus den
Gruppenarbeiten kamen, wie auch an den folgenden Tagen, am Abend zur
Diskussion ins Plenum.
30.8.2011
Unter der Moderation von Astrid LEY (Gedenkstätte für die Opfer der
Euthanasie-Morde Brandenburg) befassten sich die ReferentInnen des zweiten
Tages mit der „Euthanasie“ als weiterem Bereich der NS-Medizin, in dem der
Bedeutung von Rasse und Geschlecht nachgegangen werden sollte.
Patricia HEBERER (United States Holocaust Memorial Museum) präsentierte in
ihrem Vortrag „Giving a Face to Faceless Victims: Profiles of Female and
Male Victims of the Nazi ‚Euthanasia’ Program“ einen neueren Ansatz in der
Erforschung der NS-Medizinverbrechen. Während seit den 1980er Jahren eine
Vielzahl von Ergebnissen zur Organisationsstruktur der Tötungen kranker und
behinderter Menschen sowie zu den Profilen der TäterInnen während des
Zweiten Weltkrieges bereitgestellt worden sind, gibt es nach wie vor Lücken
in der historischen Kenntnis von Leben und Erfahrungen der Betroffenen zu
schließen. Heberer hat rund 500 PatientInnenakten aus der schwäbischen
Anstalt Kaufbeuren ausgewertet, wo etwa 1350 PatientInnen im Zuge der
„Euthanasie“ ermordet worden waren. Nach einem statistischen Überblick über
die Zusammensetzung der InsassInnen der Anstalt nach Geschlechts-,
Religions-, Berufs-, regionaler- sowie sozialer Herkunft und Schulbildung
kam die Referentin auf die betroffenen Menschen selbst zu sprechen, wobei
ihr besonderes Interesse den persönlichen Bedingungen galt, die ein
Überleben der Tötungsaktionen begünstigten: LangzeitpatientInnen entgingen
der Ermordung , wenn ihre Arbeitskraft ausgenützt werden konnte oder/und
wenn sie dem Anstaltspersonal wenig „Unannehmlichkeiten“ in der Pflege
bereiteten. Die Wahrscheinlichkeit durch Medikamente oder Hunger umzukommen
sank für PatientInnen, die aus der näheren Umgebung stammten gegenüber
jenen, die bereits als für die Vernichtung selektiert in die jeweilige
Anstalt eingeliefert wurden. Heberer verwies auf die hohe Zahl und das
Schicksal der durch die Geschichtswissenschaft bislang wenig erforschten
Gruppe älterer „Euthanasieopfer“, die unter Arteriosklerose, den Folgen
eines Schlaganfalls oder Demenz litten unter Hinweis auf Fallbeispiele aus
den Akten.
Winfried SÜSS (Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam) skizzierte
in seinem Vortrag über „Akteure, Motive und Entscheidungswege in der
nationalsozialistischen ‚Euthanasie’“ zunächst die Tötungsprogramme
(„Kindereuthanasie“ in den so genannten Kinderfachabteilungen,
Massenerschießungen von PsychiatriepatintInnen im Osten, die so genannte
T4-Aktion, die 14F13 Aktion, die dezentralisierten Tötungen), als deren
Folge an die 300.000 Opfer zu verzeichnen sind. Daran anschließend besprach
Süß die für die Ermittlung der Motive der Täter heranzuziehenden Justizakten
mit dem Hinweis darauf, dass diese Quellen der Eigenlogik ihres
Entstehungskontextes folgen würden und daher in ihrer Aussagekraft limitiert
seien. Besonderes Augenmerk legte der Vortrag auf die kriegswirtschaftlichen
Rahmenbedingungen des Massenmordes und die stark verknappten
Gesundheitsressourcen, die die Entscheidung zur Tötung von als nicht
arbeitsfähig eingestuften PatientInnen forciert und zur Umwidmung der
Anstalten für militärische Zwecke geführt hätten. Eine weitere für den
Verlauf der „Euthanasie“-Aktionen wichtige Entwicklung führte der Referent
mit der Verlagerung der Entscheidungsebene vom politischen Zentrum in die
jeweiligen Tötungsanstalten ab 1942 an. Anhand der Darstellung des Verlaufes
des Massenmordes in der nördlichen Rheinprovinz zeigte er das
Zusammentreffen der beiden genannten Aspekte auf, die in
„Verdrängungsketten“ kulminierten. In knappen Worten bedeutete dies die
Verlegung bzw. Tötung von PsychiatriepatientInnen im Fall der Zerstörung
eines Krankenhauses nach Abwägung des Grades ihrer Arbeitsfähigkeit. Zu
betonen sei bei diesem Vorgang, dass Verlegungen nicht primär auf Tötung
abzielten, von diesen unabhängig beschlossen wurden, dass die lokalen
Akteure die Folgen aber unhinterfragt in Kauf nahmen, um sich Zugriff auf
die Raumressourcen der psychiatrischen Anstalten zu verschaffen. Süß’
Ausführungen zeigten die Systematisierung und Periodisierung der
„Euthanasie“-Mordaktionen auf; die Frage nach der Bedeutung der Kategorien
Rasse und Geschlecht blieb allerdings, abgesehen von dem Hinweis darauf,
dass die Akteure in den zentralen Entscheidungspositionen durchgehend Männer
waren eine Leerstelle.
Der
Kommentar von Hans-Walter SCHMUHL (Bielefeld) stellte die wichtigsten Trends
der Forschung aus den beiden Vorträgen zusammen. Unter Berücksichtigung
kriegswirtschaftlicher Motive der Kranken- und Behindertenmorde hob er auf
die Intensivierung der „Euthanasie“-Verbrechen in der letzten Phase des
Krieges sowie die Verlagerung von Entscheidungen auf die regionale Ebene ab
und stellte auf das Bestreben der neueren Forschungen ab, den Opfern ein
Gesicht zu geben. Schmuhl diskutierte die analytischen Möglichkeiten der
Auswertung von Beständen von Krankenakten als serielle und biographische
Quellen unter der Forderung, bei der historischen Rekonstruktion einzelner
Fälle anhand der in den Akten enthaltenen Egodokumente Konzepte und Methoden
aus anderen Disziplinen zu entlehnen, etwa aus der Volkskunde, den
Kulturwissenschaften, der Literaturwissenschaften. Die Bedeutung der Befunde
über die hohen Zahlen an älteren Opfern und die Hinwendung zu den Endphasen
der „Euthanasie“ hob er noch einmal ausdrücklich hervor. Der Kommentar
schloss allerdings nicht ohne Kritik am Mangel von Reflexionen zu
geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen in beiden Beiträgen. Künftig
müsse untersucht werden, wie entsprechend der zu verschiedenen Zeiten und in
unterschiedlichen kulturellen Räumen gesellschaftlich vorherrschenden
Geschlechterbilder aus Frauen Patientinnen und aus Männern Patienten werden.
In der Diskussion griff Paul Weindling die Handlungsspielräume von ÄrztInnen
und deren eingespielten Kommunikationsnetzwerken auf. Carola Sachse verwies
darauf, dass hinsichtlich der Suche nach der Bedeutung der Kategorie
Geschlecht gerade in der Zusammensetzung des Personals der
Tötungseinrichtungen wertvolle Anknüpfungspunkte liegen würden. Es wäre
nicht nur zu untersuchen, welche geschlechtlich determinierten Hierarchien
zwischen Ärzten und Ärztinnen sowie zwischen Pflegern und Pflegerinnen
bestanden haben, sondern auch, ob der Umgang mit PatientInnen nach deren
Geschlechtszugehörigkeit unterschieden werden könne. Ein solcher Fokus auf
die Routine in den Anstalt wurde in der weiteren Diskussion auch als
notwendiger Ansatz betont, den es für Forschungen zu personellen
Kontinuitäten in den Psychiatrien nach Kriegsende und für eine Geschichte
der Pflege in den 1960er und 1970er Jahren zu berücksichtigen gelte. Darüber
hinaus wurde für die „Euthanasie“ als noch genauer zu analysierendes Thema
der Prozess der Diagnosenstellung in psychiatrischen Fällen angesprochen. Um
die Komplexität des Vorganges aufzuzeigen, seien nicht nur die professionell
handelnden AkteurInnen und ihre Kommunikationsformen untereinander zu
beachten, sondern ebenso die Beteiligung des sozialen und familiären Umfeld
der PatientInnen, wo eine Vielzahl an möglichen Verhaltens- und
Handlungsweisen angenommen werden können, die in der einen oder anderen
Weise Einfluss auf die Diagnose hatten.
Mit vielen offenen Fragen begannen die Workshops am Nachmittag, deren
Leitung die drei ReferentInnen des Vormittages bestritten. Die
TeilnehmerInnen erhielten die Gelegenheit, sich in kleineren Gruppen anhand
ausgewählter Quellentexte weitere Aspekte des Themenkomplexes „Euthanasie“,
Geschlecht und Rasse zu erarbeiten, Nachfragen an die ExpertInnen zu richten
sowie Ergebnisse und Kritik aus den Gruppenarbeiten in der gemeinsamen
Abendsitzung zu präsentieren.
31.8.2011
Der dritte Tag begann mit Themenführungen zur Geschichte des KZ Ravensbrück,
zum Krankenrevier und zur Entwicklung der Gedenkstätte durch das Gelände der
heutigen Gedenkstätte Ravensbrück durch Angelika Meyer, Matthias Heyl,
Sabine Arend, Sabine Kritter und Andrea Genest. Es fand eine gemeinsame
Gedenkfeier für die in Ravensbrück zu Tode gekommenen Häftlinge statt.
Danach präsentierte Paul WEINDLING (Oxford Brookes University) das von ihm
geleiteten Projekts „The Victims of Unethical Experiments and Coerced
Research under National Socialism“. Ziel des Projektes ist die Erfassung
aller Todesopfer und Überlebender unethischer, unter Ausübung expliziten
oder impliziten Zwangs durchgeführter medizinischer Forschung, unter ihnen
die Versuche an PatientInnen in psychiatrischen Anstalten, in
Konzentrationslagern, die Tötungen im Rahmen der „Euthanasie“-Aktionen, die
Verwendung von Körperteilen dieser Opfer und von Opfern politischer
Verfolgung zur Herstellung anatomischer Präparate sowie anthropologische
Untersuchungen an Personen aus Ghettos und Konzentrationslagern. Erhebungen
von Zahlen sowie Aussagen über den Stellenwert von Menschenversuchen im
Holocaust und in der NS-Medizin generell werden im Projekt durch die
Erarbeitung von Biografien ergänzt. Die Opfer setzten sich der nationalen
Herkunft sowie der Religionszugehörigkeit nach sehr heterogen zusammen,
wobei die aus Polen stammende Gruppe den größten Anteil hatte und die Zahl
jüdischer Opfer mit dem Jahr 1942 stark angestiegen war. Der Altersstruktur
nach waren die Versuchspersonen gehäuft in ihren beginnenden 20er Jahren,
entstammten aber insgesamt aus allen Altersgruppen. Bezüglich des
quantitativen Ausmaßes der Menschenexperimente ist ein großer Anstieg in den
Jahren 1941-1942 festzustellen, der bis 1944 konstant hoch blieb. Für die
Rekonstruktion individueller Lebensgeschichten Überlebender untersucht die
Projektgruppe um Weindling vor allem Entschädigungsverfahren, die nicht nur
Aspekte persönlichen Leidens preis geben, sondern auch viel über den Umgang
der Nachkriegsjustiz mit den Opfern der NS-Medizin. So zeigen die ersten
Ergebnisse, dass die Arbeitsfähigkeit der KlägerInnen im Vordergrund stand
und sich danach die Höhe der ausgezahlten Geldbeträge richtete. Eine solche
juristische Logik habe es mit sich gebracht, dass beispielsweise Hausfrauen
die finanzielle Entschädigung versagt wurde und dass die Betroffenen durch
respektlose Umgangsweisen mit ihren Forderungen seitens der Behörden
weiteren Traumatisierungen und Demütigungen unterworfen waren.
In der Diskussion wurden Fragen nach an medizinischen Versuchen beteiligten
Anstalten und Forschungseinrichtungen, in denen unethische Experimente
stattgefunden haben, thematisiert. Andere vom Publikum angesprochene Aspekte
waren die Selektion von Personen nach bestimmten anatomischen bzw.
„rassischen“ Kriterien und Geschlechtszugehörigkeit, das Zustandekommen der
Ravensbrücker „Kaninchen“ als besonders „prominente“ Opfergruppe und das
Erwachen von Interesse und Bewusstsein für die „medical war crimes“ in
Polen.
Am Nachmittag fanden NachwuchswissenschaftlerInnen aus Deutschland, Polen,
Schweden, Österreich und den USA die Gelegenheit im Rahmen einer
Forschungsbörse ihre Projekte vorzustellen. Die verschiedenen Arbeiten
wiesen vielfältige Anknüpfungspunkte zum Tagungsthema Rasse und Geschlecht
in der NS-Medizin auf: in der Gruppe zu „Medizin im Konzentrationslager“
referierten Ljiljana Heise (FU Berlin) über „Geschlechter- und
Medizindiskurse vor Gericht. Der vierte britische Ravensbrück-Prozess gegen
das medizinische Personal des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück“, Sari
Siegel (University of Southern California, Los Angeles) über „Dr. Gisella
Perl and Out of the Ashes: Making an Auschwitz prisoner physician acceptable
to an audience“ und Dagmar Lieske (FU Berlin) über „’Berufsverbrecher’ als
Opfer von Zwangssterilisationen und der Aktion 14f13“. Als „Akteurinnen des
Gesundheitswesens“ stellten in Gruppe 2 Josephine Ulbricht (Universität
Leipzig) “Das weibliche DRK-Personal im Zweiten Weltkrieg zwischen
nationalsozialistischer Propaganda und sozialer Realität“, Nils Hansson
(Lund University) Ausländerinnen, die 1935-1943 die Schule der Deutschen
Ärzteschaft in Alt Rehse besuchten und Anja Peters
(Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald) einen Vergleich der Biografien
von Luise von Oertzen, Generaloberin der Deutschen Schwesternaschaften vom
Roten Kreuz, Nanna Conti, Führerin der Deutschen Hebammen, und Herta
Oberheuser, Assistenzärztin in Hohenlychen und Ärztin im KZ Ravensbrück,
vor. In der Gruppe über „Kontinuitäten und internationale Vergleiche im 20.
Jahrhundert“ stellten Bonnie Pope (University Of North Florida) ihr Papier
über Eugenik und Gesundheitspolitik in den Vereinigten Staaten 1900-1935
vor, Herwig Czech (Universität Wien) über „Gesundheit, Krankheit und Tod.
Wien 1944-1948“ und Britta-Marie Schenk (Universität Hamburg) über
„Verhinderung von Behinderung in der Sterilisationsdebatte. Biopolitische
und geschlechtsspezifische Argumentationen in der Bundesrepublik der 1980er
Jahre“.
01.09.2011
Volker ROELCKE (Universität Gießen), widerlegte in seinem Beitrag über
„Medizinische Experimente im Frauen KZ Ravensbrück und die
Entschädigungspolitik“ eindeutig die immer noch weit verbreitetenAnschauung,
dass es sich bei medizinischer Forschung an KZ-InsassInnen um so genannte
Pseudowissenschaft handelte. Roelcke weißt dies anhand einer chronologisch
differenzierten Betrachtung der Debatten um das medizinische Problem
infizierter Kriegswunden, die während des Zweiten Weltkrieges mit Sulfonamid
behandelt wurden. Die Wirkung von Sulfanomiden war eine breit diskutierte
Frage in der medizinischen Community. Auch die Methodik der medizinischen
Versuche war keineswegs überholt, sie wurde jedoch 1:1 vom Tierversuch auf
den Menschen übertragen, weshalb Roelcke auch vom Humanmodell sprach. Als
Folge kriegstechnischer und kriegsstrategischer Veränderungen im Ersten
Weltkrieg fragten sich Wissenschaftler sowohl in Deutschland als auch in
Großbritannien in den 1920er Jahren, welche therapeutischen Mittel den
Folgen des Wundstarrkrampfes entgegengesetzt werden könnten. So wurde der
Einsatz von Sulfonamiden von ÄrztInnen unter anderem an weiblichen
Häftlingen des Konzentrationslagers Ravensbrück erprobt. Die Probandinnen
wurden dabei auf grausamste Weise als Untersuchungsobjekte
instrumentalisiert, gänzlich entmenschlicht und skrupellos dem tödlichen
Ausgang der Experimente preis gegeben. Das den Versuchsanordnungen
zugrundeliegende Wissen entsprach durchaus methodisch dem internationalen
Stand der Forschung. Von dieser Prämisse ausgehend fragte Roelcke nach
Formen der Ausschöpfung von Möglichkeiten, welche die an medizinischem
Wissensgewinn orientierte Forschung unter den speziellen Voraussetzungen von
Krieg und Nationalsozialismus vorfand. Er skizzierte die Sulfonamidforschung
als methodisch sauber, aber ethisch radikal und menschenverachtend und damit
genau im Gegensatz zu den zeitgleichen Forschungspraktiken in anderen
Ländern: Die methodische Korrektheit bezog Roelcke auf die ethische
Grenzüberschreitung der konsequenten wie strikten Umlegung des Tiermodells
auf den Menschen als Humanmodell, im Falle Ravensbrücks auf jene Frauen, die
„Versuchskaninchen“ wurden.[4]
Am Beginn seines Vortrags über „Entschädigungsforderungen von polnischen
Ravensbrückerinnen“ stand für Jakub DEKA (Fundacja Polsko – Niemieckie
Pojednanie Warszawa) die Bedeutung der Medizinverbrechen in der öffentlichen
Wahrnehmung während und nach dem Nürnberger Ärzteprozess 1946/47, im Rahmen
dessen die während des Zweiten Weltkrieges an KZ-Häftlingen durchgeführten
Versuche als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit
eingestuft wurden. Von den Gerichtsverhandlungen ausgehend erläuterte er den
Weg vom Aufkommen der ersten Entschädigungsforderungen bis zu den
schrittweisen Auszahlungen an die Opfer. Deka zeigte auf, wie internationale
politische Beziehungen im Kalten Krieg und nach 1989 die mediale
Repräsentation der Opfer und ihrer Forderungen in der Öffentlichkeit die
Entschädigungspraxis strukturierten. Eine zentrale Rolle in den
Entschädigungsverhandlungen kam der Bundesrepublik zu, da sich die DDR nicht
als Rechtsnachfolgerin des nationalsozialistischen Deutschlands verstand.
Die Kommentatorin Judith Hahn (Berlin) versuchte mögliche Fragestellungen
mit dem Fokus auf Geschlecht und Rasse zu formulieren, um solche in den
Nachmittagsworkshops eingehender diskutieren zu können. Bezugnehmend auf
Roelckes Vortrag thematisierte sie insbesondere die Rolle des Humanmodells
in den medizinischen Experimenten. So wäre es genauer zu erörtern, ob und
welche an Geschlecht und „Rasse“ der ProbandInnen orientierten Motive in die
Versuchsanordnungen eingeflossen sind. Außerdem reflektierte Hahn die neue
Wertung der Medizinverbrechen durch Roelcke hinsichtlich der Praxis der
Humanversuche in den NS-Konzentrationslagern, etwa das Selbstverständnis der
Opfer betreffend. Anhand weiterführender Überlegungen zu den Ausführungen
Dekas formulierte sie Fragen zur retrospektiven Konstruktion von Opferrollen
der Ravensbrückerinnen. So zum Beispiel, ob der Umstand, dass die
„Kaninchen“ als erste Gruppe in Polen entschädigt wurden, eine politische
Strategie war, in der sich Frauen besser als Männer dazu eigneten, um an
ihnen das Image des wehrlosen und passiven Opfers zu verbildlichen. In
den Nachmittagssitzungen diskutierten die Leiter der Workshops, Volker
Roelcke, Aleksandra LOEWENAU (Oxford Brookes University), Paul Weindling/
Anna v. VILLIEZ (Oxford Brookes University) und Jakub Deka die in den
Vorträgen aufgeworfenen Fragen gemeinsam mit den TeilnehmerInnen unter den
folgenden Themen: „Die Sulfonamid-Experimente im KZ-Ravensbrück“ (Roelcke),
„Photo Images of Human ‚Rabbits’ as Evidence of Crimes and Tortment at
Ravensbrück“ (Loewenau), „Victims of Human Experiments and Coercive
Research“ (Weindling/Anna von Villiez), „Entschädigungspolitik am Beispiel
Polen“ (Deka).
2.9.2011
Am letzten Tag diskutierten im Podium Vertreter der KopperationspartnerInnen
über Perspektiven in der weiteren Forschung zum Themenkomplex Geschlecht und
Rasse in der NS-Medizin. Die Moderatorin Insa Eschebach eröffnete das
Gespräch mit Reflexionen zu Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit, in der Analyse
der NS-Medizin die Kategorien Rassen und Geschlecht zu integrieren bzw.
diese differenzierten Betrachtungen von Mechanismen der Repression zugrunde
zu legen. Rückblickend auf die Beiträge der ReferentInnen hielt Eschebach
fest, dass die historische Erfassung der Subjekte der Verfolgung aufgrund
einer binären Geschlechtszugehörigkeit sowie anderer Kriterien in den
gehörten Vorträgen erfolgt war und erste Befunde vorgestellt wurden. Die
Einbeziehung von Geschlecht als objektbezogener Kategorie habe sich hingegen
als schwer fassbar erwiesen. Dahingehend würde es über die Erarbeitung
statistischer Werte hinaus einer Berücksichtigung weiterführender Aspekte
bedürfen, um auch Aussagen über die konkrete Wirkung von Geschlechternormen
in wissenschaftlichen und praktischen medizinischen Handlungen während der
NS-Zeit bereitstellen zu können. Dass zeit- und kulturspezifische Bilder von
Weiblichkeit und Männlichkeit die Wahrnehmung von sowie den Umgang mit
einzelnen Opfergruppen wesentlich strukturierten, zeige sich etwa im
dominanten Bild der Mutterfigur, wie es in Leidensdarstellungen von
verfolgten Frauen nach 1945 in der Erinnerungskultur installiert wurde.
Geschlecht müsse in der historischen Forschung zur NS-Medizin als
wirkmächtiges Konstrukt begriffen werden, das Erkenntnisweisen der
Wissenschaften vom Menschen, politische Maßnahmen sowie gesellschaftliche
Wahrnehmungsvorgänge prägte.
Carola SACHSE wies auf die Differenzierung der Kategorie Geschlecht in der
Wissenschaft nach Londa Schiebinger[5]
hin. Dabei handelt es sich um eine Unterscheidung sozialer, kulutreller und
epistemischer Wirkungsweisen von Geschlecht in Theorie und Praxis. In den
historischen Auseinandersetzungen mit verschiedenen Bereichen der NS-Medizin
habe sich angedeutet, dass insbesondere die Bilder von Männlichkeiten und
Weiblichkeiten im Erkenntnisgewinn der weiteren Klärung bedürfen. Nicht
zuletzt seien dahingehend feststellbare Kontinuitäten in wissenschaftlichen
und gesellschaftlichen Denk- und Handlungsmustern zu erörtern. Leitend müsse
die Frage danach sein, vor welchen zeitlichen Hintergründen an Altem
festgehalten wurde bezw. wann Veränderungen eintraten. Auf diesem Ansatz
baute Sabine SCHLEIERMACHER auf und betonte die Notwendigkeit, Geschlecht
als Wissenskategorie in den langen Linien des 20 Jahrhunderts zu
berücksichtigen. Ebenso sei die Kategorie Rasse als eine prägende Komponente
der NS-Vorstellungswelt auf ihre Berührungspunkte mit anderen Determinanten
gesellschaftlicher Realitäten tiefgehender zu beleuchten. Besonderes
Augenmerk richtete sie auf die Frage, wie sich Geschlechter- und
Rassenbilder in die Nachkriegsgesellschaften einfügten und bis in die
Gegenwart ihre Wirkung implizit oder explizit entfalten.
Die DiskutantInnen aus dem Publikum betonten in Reaktionen auf die
zusammenfassenden Reflexionen, dass für einen auf die Differenzierung der
Geschlechter erweiterten Blick auf die NS-Medizin neue methodische Ansätze
zu präzisieren seien. Ein Austausch mit anderen Disziplinen scheint dafür
unerlässlich, um nicht nur das bestehende Wissen über die Bedeutung der
Kategorien Rasse und Geschlecht für die NS-Medizinalverbrechen zu
verfeinern, sondern auch um Strukturen heutiger Entwicklungen im
wissenschaftlichen Denken, gerade im großen Feld der Humangenetik und
Medizinethik, kritisch hinterfragen zu können.
Zum Abschluss der 7. Europäischen Sommer-Universität Ravensbrück begaben
sich die TeilnehmerInnen gemeinsam auf eine Exkursion in das Museum und die
Gedenkstätte Sachsenhausen, wo seit 2004 in den erhalten gebliebenen
Originalbaracken R I und R II die Ausstellung „Medizin und Verbrechen. Das
Krankenrevier des KZ Sachsenhausen 1936-1945“ als erste umfassende
Dauerausstellung zu sehen ist. Die Kuratorin Astrid Ley und die Pädagogin
Inga Hoolmanns führten und erläuterten.
Veranstalter: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische
Gedenkstätten. Kooperationspartner: Stiftung Topographie des Terrors,
Heinrich-Böll-Stiftung, Charité Berlin, Universität Wien, Oxford Brookes
University, Uniwersytet Wrocławsk i. Finanziert durch: EACEA;
Hans-Böckler-Stiftung; Stiftung Topographie des Terrros,
Heinrich-Böll-Stiftung.
[1] Alfred
Ploetz: Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen.
Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen
Idealen, besonders zum Socialismus. Grundlinien einer
Rassen-Hygiene, Berlin 1895
[2] Karl
Binding/Alfred Hoche: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten
Lebens. Ihr Maß und ihre Form, Berlin 1920.
[3]
Gisela Bock: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur
Rassenpolitik und Frauenpolitik, Opladen 1986; Neudruck Münster
2010.
[4] Volker
Roelcke: Die Sulfonamid-Experimente in nationalsozialistischen
Konzentrationslagern: Eine kritische Neubewertung der
epistemologischen und ethischen Dimension. In: Medizinhistorisches
Journal 44, 2009, S. 42-60.
[5] Londa
Schiebinger: Frauen forschen anders. Wie weiblich ist die
Wissenschaft? München 2000
Sonntag, 28.08.2011
Begrüßung
Welcome Adresses:
Bartłomiej
Rosik (1. Botschaftssekretär der Botschaft der Republik Polen)
Dr. Klaus Famira
(Stellvertreter des Botschafters der
Österreichischen Botschaft)
Montag, 29.08.2011
Policy/Eugenics as Gender and Racial Policies in the 20th Century
The
"Normality" of Eugenics:
Gender Policies as
Racial Policies
Dienstag, 30.08.2011
The history of „euthansia“ and ist racial and gender dimensions
Den Opfern ein Gesicht
geben: Profile von Frauen und Männern als Betroffene durch die
„NS-Euthanasie”
Motivations and Decision Making in the Nazi "Euthanasia"
Mittwoch, 31.08.2011
The Ravensbrück Memorial Site
Matthias Heyl: The Ravensbrück Concentration Camp
Angelika Meyer: Das KZ Ravensbrück
Sabine Arend: The Infirmary of Ravensbrück
Sabine Kritter: Das
Krankenrevier in Ravensbrück Andrea Genest: Die
Gedenkstätte Ravensbrück
Forschungsbörse
Forum for New Research
Gruppe 1
Donnerstag, 01.09.2011
Medical Experiments at Ravensbrück and
Compensation Policies
The
Sulfonamide
Experiments at
Ravensbrück Concentration camp
in the context of
War Surgery
Compensation Claims of Polish Survivors, in particular Women Survivors of
Ravensbrück Concentration Camp
Das Gedächtnis von Ravensbrück in den
entschädigungspolitischen Debatten in Polen
Freitag, 02.09.2011
Gender and Race
in Nazi Medicine
Konzeption
der Sommer-Universitaet 2011 | Conception of the Summer School 2011: Sabine
Arend, Insa Eschebach, Judith Hahn, Johanna Kootz, Astrid Ley, Thomas Lutz,
Carola Sachse, Thomas Schaarschmidt, Sabine Schleiermacher, Paul J. Weindling,
Christl Wickert Kooperationspartner
| Partners Heinrich-Böll-Stiftung,
Stiftung Topographie des Terrors, Universität Wien, Oxford Brookes University,
Uniwersytet Wrocławski, Charité Berlin Finanziert
durch | sponsered by: Die Bildung, Audiovisuelles und Kultur Exekutivagentur der
Europäischen Kommission | The Education, Audiovisual and Culture Executive
Agency (EACEA) of the European Commission; Hans-Böckler-Stiftung; Axel Springer
Stiftung. Wir
danken der Stiftung EVZ für die Finanzierung der Reise der Familie Laks.
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6. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2010
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Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2010 »Bildersprachen. Künstlerische Produktion (29. August - 3. September 2010) Veranstalter: Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück |
Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in Kooperation mit der
Heinrich-Böll-Stiftung (Berlin) und der Stiftung Topographie des Terrors
(Berlin) Information und Anmeldung: sommer-uni@ravensbrueck.de |
European Summer School Ravensbrück 2010
Pictorial Languages. Artistic Production in Camps and Ghettos 1933 to 1945
August 29, - September 3, 2010
Arts and artistic practices from Nazi
concentration camps are usually interpreted as forms of resistance against the terror and
anonymity. The Ravensbrück Summer School will approach the subject from a
broader perspective and look at the artistic documents from different
angles: Apart from
describing and analysing the conditions under which artistic production was
possible in the camps, we want to discuss the differences in the depictions of
the camps and the way in which these works were received by academics and
used in exhibitions and educational work. Another new aspect of discussion are
the gender images embedded in these works.
Our focus will be on fine arts: drawings,
paintings and craft objects made secretly or on commission. These objects will
be examined in relation to other art forms such as literature, drama or music.
The Summer School discussions will try to answer the question of what role art
shall play for the analysis of the National-Socialist persecution in
future.
The introductory lectures in the mornings will focus on the main topics. In the afternoons we will broaden our perspective and study specific aspects of these topics in study groups which will take place simultaneously. The languages of the conference will be German and English. We will provide a simultaneous translation.
5. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2009
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Europäische
Sommer-Universität Ravensbrück 2009 Unter
deutscher Besatzung:
Geschlechterpolitiken
und Rassismus im Zweiten Weltkrieg –
Polen,
Frankreich, Italien
(30.
August -
4.
September 2009 Im 70. Jahr nach Kriegsbeginn und dem Überfall auf Polen
nimmt sich die fünfte Europäische Sommer-Universität Ravensbrück dem Thema
der deutschen Besatzung in Europa an. Mit einem vergleichenden Blick auf
Polen, Frankreich und Italien sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der
deutschen Eroberungspolitik sowie des Besatzungsalltags während des
Zweiten Weltkrieges herausgearbeitet werden. In Vorträgen und
Arbeitsgruppen wird untersucht, welche Formen die deutsche
Besatzungspolitik annehmen konnte und wie die besetzten Gesellschaften
darauf reagierten. Zentral ist einerseits die Frage nach den Funktionen
und Effekten der rassistischen Ausgrenzungspolitik, andererseits die
Bedeutung der Kategorie Geschlecht. Die Einführungsvorträge am Vormittag sind der Erörterung
des Phänomens der Besatzung unter militärhistorischen,
sozialgeschichtlichen und geschlechtsbezogenen Perspektiven gewidmet:
Worin lag die Spezifik der Ziele und Methoden nationalsozialistischer
Besatzungspolitik in den drei ausgewählten Ländern? Welche Wahrnehmungen,
Erwartungen, Vorurteile waren bei den Besatzern virulent? Welche Folgen
hatte die deutsche Politik für die Frauen, Männer und Kinder in den
okkupierten Staaten? Und welche, möglicherweise geschlechtsspezifischen
Handlungs- und Überlebensstrategien wählten sie in unterschiedlichen
Situationen? Die Analyse soll insbesondere auch die Ausbeutung der
eroberten Bevölkerungen für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft in
den Blick nehmen: Wie wurden die Maßnahmen zur Zwangsarbeit durchgesetzt?
Wie sah die Deportationspraxis in unterschiedlichen Regionen aus? Und
welche Rolle kam den Konzentrationslagern, insbesondere dem Frauen-KZ
Ravensbrück, im Rahmen der Besatzungspolitik zu? |
Die fünfte Sommer-Universität Ravensbrück betrachtete diese
Fragen am Beispiel der Länder Polen,
Frankreich und Italien genauer . Jedem Land war jeweils ein ganzer Tag
mit Panelveranstaltungen am Vormittag und Workshops am Nachmittag gewidmet.
Dabei sollten die Workshops die Erkenntnisse der Panels anhand von vier
Schwerpunkten vertiefen:
Geschlechterverhältnisse im Besatzungsalltag
Rassistische Konzepte und ihre Durchsetzung/Ausgrenzung und
Kollaboration
Geschlechtsspezifische Deportationspraxen
Besatzung, Kollaboration und Widerstand in der
Erinnerungskultur und gegenwärtige Erinnerungspolitik
Die
Sommer-Universität steht unter der Schirmherrschaft der Ministerin für
Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Prof. Dr. Johanna
Wanka, und wird in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der
Stiftung Topographie des Terrors veranstaltet.
Sie können sich bereits zu diesem Zeitpunkt online anmelden oder den Anmeldebogen als PDF-Datei herunterladen.
4. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2008
Europäische
Sommer-Universität Ravensbrück 2008
»Die Erinnerung an die Shoah an
Orten ehemaliger Konzentrationslager
in West- und Osteuropa.
Geschichte, Repräsentation und
Geschlecht«
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| Frank van Vree | (Foto: Strauss) | Gruppenführung durch Angi Meyer | (Foto: Strauss) |
Die
Europäische Sommer-Universität Ravensbrück des Jahres 2008 näherte sich dem
Thema der Erinnerungen an die Shoah aus einer Vielzahl von Perspektiven.
Einerseits standen nationale Entwicklungen der Memorialkultur in den
west- und osteuropäischen Staaten seit 1945 zur Debatte, andererseits ging es
aber auch um die Frage transnationaler Deutungsmuster wie Heroisierungen und
Viktimisierungen in den Darstellungen des Holocaust.
Nach der
Begrüßung durch den Staatssekretär im Brandenburgischen Ministerium für
Wissenschaft, Forschung und Kultur Dr. Johann Komusiewicz, die Leiterin
der Gedenkstätte Dr. Insa Eschebach und die beiden Mitveranstalter
Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors) und Dr. Marianne
Zepp (Heinrich-Böll-Stiftung) führte der Medienwissenschaftler Prof. Dr.
Frank van Vree (Universität Amsterdam) in das Thema der diesjährigen
Sommer-Universität ein. Im Mittelpunkt seines Vortrags über die
Auschwitz-Erinnerung in der europäischen Geschichtskultur stand die Frage
nach den verschiedenen Etappen in der Repräsentation der Shoah vom Ende des
Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart. Für die Erinnerung in den Vierzigerjahren
konstatierte er eine Kontinuität nationaler Traditionen, im Falle Polens eine
Heroisierung, im Falle der Niederlande eine Einbettung der Holocaust-Erinnerung
in das nationale Opfer-Narrativ. Erste Gegenstimmen gegen die nationalen
Meistererzählungen stellte van Vree bereits für die Mitte der
Fünfzigerjahre in Ost- und Westeuropa fest. Eine grundlegende Abkehr von den
heroisierenden Narrativen und eine Thematisierung der Sinnlosigkeit des Opfers
setzte aber erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit dem Eichmann-Prozess,
den Veröffentlichungen Raul Hilbergs und der Darstellung der Shoah in Film und
Fernsehen ein. Auch für diese Phase verwies van Vree auf zeitlich
parallele Entwicklungen in West- und Osteuropa.
Cilly Kugelmann
(Jüdisches Museum Berlin) sprach anschließend über die Geschichte der
Erinnerung an die Shoah in Israel und den USA. Für Israel hob sie hervor,
dass die Debatte um den Holocaust, den Umgang mit den Opfern und die
Identifikation mit der Shoah als Gründungsmythos des Landes die Lager spalte.
Für die USA verwies sie auf die Konflikte zwischen den verschiedenen
Generationen jüdischer Einwanderer. Erst in den Achtzigerjahren kam es in den
USA zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit der Shoah und ihren jüdischen
Opfern in Museen und Ausstellungen. Das korrespondiert mit der Entwicklung des
Gedenkens in Israel, wo die Massenvernichtung erst vergleichsweise spät ein
Thema des Schulunterrichts wurde. Kugelmann bedauerte, dass die Shoah im
Unterricht noch immer ohne Zeitzeugen gelehrt wird, und kritisierte, dass neuere
Ausstellungen keinerlei Vorstellungsästhetik aufwiesen und zu abstrakt mit dem
Thema umgingen. Ihre Frage zum Schluss, was mit dem Gedenken passiere, wenn
schon alles gesagt sei, ließ sie offen.
PD Dr.
Susanne Lanwerd (Collegium Helveticum, Basel)
gab einen Überblick über die Historiographie der Shoah in der Frauen- und
Geschlechterforschung seit den späten Siebzigerjahren. Ausgangspunkt des
wissenschaftlichen Interesses war die Hinwendung zu den weiblichen Überlebenden
des Holocaust. In der Folge traten aber auch Fragen nach den Täterinnen, nach
geschlechtsspezifischen Überlebensstrategien, nach der „Heimatfront“ und der
Bedeutung der Geschlechterordnung für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft im
Krieg hinzu. Abschließend ging Lanwerd auf das Verhältnis von Gedächtnis
und Geschlecht ein. Dabei verwies sie zum einen auf die große Nachhaltigkeit von
Bildhaushalten, zum anderen auf die Tendenz zu einer Feminisierung in der
Beschreibung der Gesellschaft im Nationalsozialismus als Strategie zur
kollektiven Entlastung der Deutschen.
Der
zweite Tag stand unter dem Thema „Orte und Repräsentationen“ und begann mit
einem Vortrag von Prof. Dr. Mechtild Gilzmer (TU Berlin) über Die
Erinnerung an die Shoah in Frankreich, der die verschiedenen Etappen des
Gedenkens seit 1944 beschrieb. Bis in die Sechzigerjahre dominierte der
heroische Résistance-Mythos, in dem vorrangig die aus politischen Gründen
Deportierten repräsentiert waren. Die jüdische Erinnerung passte sich diesem
Narrativ weitgehend an, um nicht durch ein separates Gedenken an die Opfer der
Shoah die von den Nationalsozialisten aus rassistischen Gründen erzwungene
Ausgrenzung aus dem nationalen Kollektiv zu wiederholen. Im Kampf um die
Deutungshoheit verstärkte de Gaulle das nationale, heroische Narrativ noch
einmal in den Sechzigerjahren, indem er die Erinnerung an die Deportationen mit
militärischen Repräsentationen überschrieb. Unter dem Einfluss von Massenmedien
und zivilgesellschaftlichen Initiativen setzte in den Siebzigerjahren eine
Hinwendung zu den jüdischen Opfern und zur Verstrickung der französischen
Gesellschaft in die Kollaboration ein, die an Gedenkorten wie dem Denkmal am Vel
d’Hiv und anderen Deportationslagern Ausdruck fand. Diese Neuorientierung führte
dazu, dass heute auch ältere Denkmale wie das Denkmal für die Deportierten auf
der Ile de la Cité als Gedenkort für die Opfer der Shoah wahrgenommen
werden.
Den zweiten Teil des Vormittags bestritt die Soziologin Dr. Éva Kovács (Ungarische Akademie der Wissenschaften) mit einem Vortrag zum Thema der Shoah im sozialen Gedächtnis Ungarns. Anhand einer Unterteilung in drei Phasen 1945-1948, 1948-1990 und 1990 bis 2002 zeigte sie Entwicklungen in der ungarischen Erinnerungskultur auf, wobei der Fokus auf der Diskrepanz zwischen der ungarisch jüdischen und nicht-jüdischen Erinnerung lag. Während die erste Phase den Bruch in den Identitäten und der Erinnerungen markiert, der von kontroversen Auseinandersetzungen mit der Judenverfolgung, starken antisemitischen Manifestationen sowie Pogromen begleitet gewesen ist, kam es in der zweiten Phase zu einer Tabuisierung des Holocaust, die durch die Mythenbildung in den Sechzigerjahren abgelöst wurde. Kovács hob hervor, dass die Geschichtspolitik ein Bild von Ungarn als Opfer des Nationalsozialismus entwarf, in dem die Verfolgung und Ermordung der ungarischen Juden nur als ein Teil der Leiden des ungarischen Volkes wahrgenommen wird. Mit dem Systemwechsel zu Beginn der Neunzigerjahre setzte eine neue Flut von Erinnerungen ein, die neben den Opfern des Stalinismus auch die Opfer der Shoah sichtbar machte und gleichzeitig die Emanzipation der Juden in Ungarn förderte. Dennoch wurde bis heute das Gedächtnis der Shoah kaum in das kollektive Gedächtnis der ungarischen Nation übernommen, wofür die Soziologin die Dichotomie der Holocaust-Erinnerung und der Kommunismus-Erinnerung sowie die kaum thematisierte Täterrolle Ungarns als Gründe anführte.
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Arbeit in Arbeitsgruppen | (Fotos: Strauss) | |
Am
Nachmittag wurde das Thema in Arbeitsgruppen vertieft. Eine von Christian
Ganzer geleitete Runde diskutierte anhand von Fotografien Opfer- und
Heldendarstellungen in Museen und Gedenkstätten in Belarus. In seinem
Einführungsvortrag machte Ganzer deutlich, dass zwei Hauptnarrative für
Belarus kennzeichnend sind: die Heroisierung des Mythos von der „Brester
Festung“ und der „Große Vaterländische Krieg“. Mit dem Erhalt der eigenen
Nationalstaatlichkeit musste im Zuge der Identitätsbildung der Staat mit
Geschichte gefüllt werden, wobei man auf die sowjetischen Mythen und den Verweis
auf Belarus als Partisanenrepublik zurückgriff. Das Gedenken an Helden und Opfer
wird dominiert von der Sinnstiftung einer „patriotischen Erziehung“ der
Bevölkerung. Die Shoah wurde lange Zeit als Ermordung „friedlicher Sowjetbürger“
gehandelt, was auch in der Auseinandersetzung mit den Darstellungen auf den
Fotos deutlich wurde. So konnte festgestellt werden, dass die Errichtung von
Denkmälern für die Opfer der Shoah vorwiegend in den Neunzigerjahren einsetzt,
wobei sie sich in ihrer geringen Monumentalität und Qualität wesentlich von den
Heldendenkmälern unterscheiden. In den Museen kommt dem „Großen Vaterländischen
Krieg“ noch immer der zentrale Platz in der Erinnerungskultur in Belarus
zu.
Eine von Dr. Insa Eschebach geleitete Arbeitsgruppe
Vergangenheitspolitik und Erinnerungsgeschichte thematisierte die
Darstellung der Frauen und insbesondere der Mütter in der Denkmalslandschaft. In
ihrem einführenden Referat verglich Insa Eschebach das Mahnmal „Tragende“
(Will Lammert) in Ravensbrück mit der Figurengruppe von Fritz Cremer im
ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Die „Tragende“ stehe dank ihrer
karitativen Haltung im Gegensatz zu Darstellungen heroischer Männlichkeit, die
häufig Widerstand und Auflehnung auszudrücken scheinen. Bis in die
Achtzigerjahre gab es kein Gedenken an die jüdischen Opfer in Ravensbrück, wo
vorrangig die antifaschistischen Widerstandskämpferinnen als „Gründungsmütter
der sozialistischen Nation“ geehrt wurden. Die Erinnerung an die Shoah setzte
erst ab Mitte der Achtzigerjahre im Zuge einer Pluralisierung des Gedenkens in
der DDR ein. Heute werde Ravensbrück durchaus als Ort der Judenverfolgung
wahrgenommen. Susanne zur Nieden und Silvija
Kavcic
stellten die Ergebnisse ihrer Studie zum jüdischen Gedenken
seit den Siebzigerjahren in den KZ-Gedenkstätten der DDR dar. Ausgangspunkt der
Betrachtungen war die These, dass die Erinnerung an die jüdischen Verfolgten
seit dem Verbot der VVN 1949 behindert wurde. Mit der Erosion des
antifaschistischen Narrativs in den Achtzigerjahren konnten sich neue Ansätze
eines jüdischen Gedenkens entfalten.
Die
Vorträge und Arbeitsgruppen des dritten Tages widmeten sich dem Thema Orte
und Autorisierungen. In ihrem einführenden Vortrag sprach Prof. Dr. Sara
Horowitz (York University, Toronto) unter dem Titel Belated Holocaust
Memoirs and the Ambiguities of Mothers über die Beziehungen von Müttern und
Töchtern, welche die Shoah überlebt haben. Dabei unterschied Sara
Horowitz drei Varianten: Zum einen den Wunsch der Tochter, hinter die
verborgene Geschichte der Mutter zu kommen, wenn sie selbst erst nach dem Krieg
geboren wurde, zum zweiten die Idealisierung und Mystifizierung der Beziehung,
wenn die Mutter den Krieg nicht überlebt habe, und drittens die Möglichkeit,
sich mit größerem zeitlichen Abstand nuancierter und freier über die gemeinsamen
Erlebnisse der Shoah auseinander setzen zu können, wenn beide den Krieg überlebt
hatten. Erst in den letzten Jahren, nachdem die Generation der Mütter gestorben
war, brachen die meisten Töchter ihr Schweigen. Sara Horowitz’ Vortrag
entmystifizierte die bestehende Heroisierung der Tochter-Mutter-Beziehungen in
der Erinnerung an die Shoah und zeigte auf, dass Leiden nicht edel macht,
sondern positive wie negative Züge bloßlegen kann.
Unter dem
Titel Femina Sacra. Gender, Grief and Political Violence befasste sich
der Vortrag der Soziologin Dr. Ronit Lentin (University of Dublin) mit
weiblichen Formen der Erinnerung an den Holocaust am Beispiel Transnistriens.
Ausgangspunkt war Giorgio Agambens Konzept des „homo sacer“ als dem der
souveränen Macht des Staates ausgelieferten Menschen. Für die in der
Zwangssituation des Lagers als minderwertig deklassierten Frauen hatte dieser
Status nicht nur Konsequenzen für ihre Verfolgung, sondern auch für die
Erinnerung an ihr Leiden. Obwohl der Tod der nach Transnistrien deportierten
rumänischen Juden von den Überlebenden als schlimmer wahrgenommen wurde als der
Massenmord in Auschwitz, hielten die Tabuisierung der Ereignisse in Rumänien und
die eigene Scham über die erlebte Verletzlichkeit und Hilflosigkeit sie lange
Zeit davon ab, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Da sich die Erinnerungen von
weiblichen Überlebenden in der Regel weniger als männliche Erinnerungen in
lineare Narrative und Erinnerungsstereotype einpassen, stellen sie diese als
„Gegenerzählungen“ in Frage.
In der Arbeitsgruppe der österreichischen Ethnologin und Soziologin Dr. Helga Amesberger (Institut für Konfliktforschung, Wien) Zur Geschichte und Zukunft der Lagergemeinschaften. Die österreichischen Lagergemeinschaften Ravensbrück und Mauthausen als Beispiele wurde die Frage nach der Zukunft von Lagergemeinschaften diskutiert. Anhand der beiden österreichischen Lagergemeinschaften wurde zunächst auf ihre Entstehung und Geschichte eingegangen sowie auf ihre Fortführung ohne die ehemals Verfolgten. Bereits in der Diskussion zeigten sich verschiedene Ansichten darüber, ob sogenannte „FreundInnen“ die Legitimation besitzen, die Lagergemeinschaften fortzusetzen und diese innerhalb von Gremien zu vertreten, oder ob dies ausschließlich den Überlebenden bzw. ihren Nachkommen vorbehalten sein sollte. Im Fall der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück entschieden sich die ehemaligen Verfolgten dafür, FreundInnen in die Lagergemeinschaft aufzunehmen. Mit einer Präambel in den Statuten der Lagergemeinschaft wird den NachfolgerInnen, die als politische Vertretung der Überlebenden agieren sollen, eine Richtung für ihr zukünftiges Handeln vorgegeben.
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Arbeit in Arbeitsgruppen | (Fotos: Strauss) |
Mit dem Thema Italienische Lagergemeinschaften. Gedenken, Opferkonkurrenzen und Geschlecht befasste sich eine dritte Arbeitsgruppe unter Leitung Paola Bertilottis (Sciences-Po, Paris). Nach 1945 unterstützten die noch faschistisch geprägten staatlichen Instanzen in Italien weder die Repatriierung der Deportierten, noch akzeptierten sie ihre Zuständigkeit hinsichtlich der gesundheitlichen, psychischen und materiellen Notlagen der KZ-Überlebenden. Die Selbstorganisation bildete die einzige Möglichkeit der ehemaligen KZ-Häftlinge, ihre Anliegen gegenüber dem Staat und anderen Interessengruppen zu vertreten. Die unmittelbar nach Kriegsende gegründeten Organisationen sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, ihren Mitgliedern bei der Reintegration in ein ‚normales’ Leben zu helfen und zugleich die Verantwortung für die Dokumentation der Deportationen, für die Bewahrung der Erinnerung und die Würdigung der Toten zu übernehmen. Anhand verschiedener Texte konnte herausgearbeitet werden, dass die Überlebenden als italienische Bürger und als Opfer antisemitischer Rassenpolitik Anerkennung und Gleichstellung beanspruchten. Nur vor dem Hintergrund der Prioritätensetzung für eine ‚nationale Versöhnung’ und der vergangenheitspolitischen Intentionen der Parteienpolitik unter den Bedingungen des Kalten Krieges wurde nachvollziehbar, dass – ungeachtet der bereits in den ersten Nachkriegsjahren veröffentlichten Erinnerungsberichte und Dokumentationen – erst 20 Jahre nach Kriegsende eine Tradition nationalen Gedenkens begründet wurde, an der auch die Organisationen der Ex-Deportierten beteiligt waren.
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Rochelle Saidel | (Foto: Strauss) |
Der Tag schloss mit einer von Dr. Insa Eschebach und Dr. Andrea Genest (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geleiteten Podiumsdiskussion, in der Prof. Dr. Mechtild Gilzmer (Technische Universität, Berlin), Sarah Helm (London), Dr. Rochelle G. Saidel (Remember the Women Institute, New York) und Dr. Susanne Y. Urban (Yad Vashem, Jerusalem) über Das Ravensbrück-Gedächtnis in den USA, Frankreich, Israel und Großbritannien diskutierten. Dabei wurden Unterschiede festgestellt, deren Ursachen vor allem in den verschiedenen historischen und politischen Ausgangssituationen der einzelnen Länder zu suchen sind. Während Ravensbrück in Großbritannien allenfalls durch den Hamburger Ravensbrück-Prozess von 1946/47 und in Ravensbrück internierte britische Agentinnen bekannt ist, spielten die französischen Ravensbrückerinnen schon unmittelbar nach Kriegsende eine große politische Rolle. In den USA und Israel wuchs das öffentliche Interesse an
der Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück hingegen erst in
den letzten zehn Jahren, obgleich in beiden Ländern zahlreiche Frauen und
Männer lebten und leben, die in Ravensbrück inhaftiert waren. |
Der
vierte Tag der Sommer-Universität galt dem Thema „Transformationen memorialer
Praxis“. Er wurde von
Dr. Jean Michel Chaumont (Université catholique de Louvain)
mit einem Referat über The Aporetic Challenge to Heroize „passive“
Victims: Aimé Césaire and Elie Wiesel or Why was the Claim to Uniqueness a Need
of Moral Reconstruction eingeleitet.
Chaumont stellte dabei die Kolonialkritik Aimé
Césaires den Positionen Elie Wiesels gegenüber. Césaire hatte die Shoah als
Deutungsmuster für die Sklaverei genutzt und die europäischen Kolonien in
Amerika und Afrika als ein „allumfassendes Konzentrationslager“ beschrieben. Er
behauptete, dass die Schwarzen nur durch die Vorstellung der Freiheit und die
Güte untereinander überlebt hätten. Wiesel habe die Begriffe Scham und Stolz in
die Diskussion eingebracht. Im Gegensatz zu Césaire betonte er, dass der
Holocaust mit keinem anderen geschichtlichen Ereignis vergleichbar sei. Juden
sollten seiner Meinung nach stolz sein auf den Holocaust als „greatest
event“.
In ihrem Vortrag Zwischen Heroisierung und Viktimisierung. Anmerkungen zur visuellen Erinnerungskultur diskutierte die Berliner Kunsthistorikerin Dr. Katrin Hoffmann-Curtius am Beispiel verschiedener bildlicher Darstellungen Fragen nach der Repräsentation des Jüdischen und dem möglichen Einfluss antisemitischer Stereotypen, nach dem Verhältnis von Geschlecht und einer Hierarchisierung der Opfer in den Kunstwerken, nach dem, was nicht in Bilder gefasst wird, und nach möglichen Kontinuitäten der Bildsprache nach 1945. Dabei kontrastierte sie naturalistische Darstellungen und heroisierende Repräsentationen wie Nathan Rapoports Warschauer Ghetto-Denkmal von 1948 mit der Abstraktion in den Werken Picassos und Fautriers. Während die Heldin auf Rapoports Denkmal wie eine Amazone dargestellt sei, verweisen Fautriers Bilder gerade auf die Zerstörung des weiblichen Körpers. Andere Denkmäler der Nachkriegszeit zeigen Frauen vor allem als „Trauernde“ oder „Tröstende“. In der Diskussion wurde die Frage nach Traditionen der Repräsentationsformen nach 1945 aufgegriffen und dabei der nachhaltige Einfluss Arno Brekers auf die Denkmale der Résistance in Frankreich angesprochen.
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| Nachfragen und Anmerkungen im Plenum | (Fotos: Strauss) | |
Eine
Arbeitsgruppe befasste sich unter Leitung des Krakauer Soziologen Prof. Dr.
Marek Kucia (Jagiellonen-Universität) mit den Repräsentationen von
Auschwitz in Polen von 1945 bis zur Gegenwart. Im Mittelpunkt stand die
Repräsentation der Shoah in Literatur und Film und in der Gedenkstätte
Auschwitz. Galt „Auschwitz“ bis Ende der Sechzigerjahre als Symbol der Einheit
der polnischen Nation und danach als Mahnmal des Friedens in der
Blockkonfrontation des Kalten Krieges, so wird Auschwitz in der heutigen
Ausstellung als zentraler Ort des Judenmords thematisiert. Mit Rücksicht auf die
vor 1989 kanonisierte Opferzahl von 4 Millionen wurde in der Neugestaltung
darauf verzichtet, die unserem heutigen Kenntnisstand entsprechende Zahl der
1,35 Millionen nach Auschwitz Deportierten explizit zu nennen. Neben den Filmen
der Achtziger- und Neunzigerjahre wie „Kornblumenblau“, „Shoah“ und „Schindlers
Liste“ sind es vor allem frühe literarische Verarbeitungen der
Holocaust-Erfahrung wie die von Tadeusz Borowski und Zofia Nakowska, die bis
heute die polnische Erinnerung an Auschwitz bestimmen.
Die Sitzung der Arbeitsgruppe Darstellung von Häftlingen in modernen Gedenkstätten – Ausstellungen in Deutschland begann mit einem Referat von Thomas Lutz (Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors) über die Gedenkstättenlandschaft, ihre Kosten und das neue Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung. Dieses strebe eine engere Zusammenarbeit und eine weitere Professionalisierung der 19 wichtigsten NS-Gedenkstätten an, berge aber andererseits die Gefahr einer stärkeren politischen Einflussnahme. Lutz nannte die Neunzigerjahre „das Jahrzehnt der Gedenkstätten“ und sprach von einem positiven Trend. Dennoch sei es weiterhin notwendig, an gemeinsamen Zielstellungen zu arbeiten. Ein kritisches selbstbestimmtes Bild, die Darstellung aller Opfergruppen und die Probleme oftmals moralisierender Ausstellungsansätze waren Themen der Diskussion. Abschließend setzte sich Lutz mit der Bedeutung von Bildern, Dokumenten und Artefakten in den neueren Ausstellungskonzeptionen und den Gründen für eine stärkere Individualisierung und Abstraktion in der Präsentation auseinander.

TeilnehmerInnen der
Sommer-Universität 2008 (Foto: Pawelke)
Die 4.
Europäischen Sommer-Universität Ravensbrück schloss im Jüdischen Museum Berlin
mit einer von Dr. Marianne Zepp geleiteten Podiumsdiskussion, in der
Cilly Kugelmann, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Micha
Brumlik (Universität Frankfurt/Main), der Bundestagsabgeordnete der Grünen
Jerzy Montag und der Berliner Psychoanalytiker Yigal Blumenberg
über das Thema Trauma, Erinnerung und öffentliche Gedenkpolitik. Über die
Zukunft des Erinnerns debattierten.
(Bericht: Michael Herrmann, Johanna Kootz, Thomas Schaarschmidt, Josephine Ulbricht)